Podiumsdiskussion

Hart, aber fair: Lüdenscheider Bürgermeister-Kandidaten im Klima-Check

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Podiumsdiskussion mit den Bürgermeister-Kandidaten in Zeiten der Corona-Pandemie: Die Abstandsregeln wurden am Dienstagabend bei der Veranstaltung der Bürger-Energie Lüdenscheid eG im Kulturhaus streng eingehalten.

Lüdenscheid  -   Das Bühnenbild im Kulturhaus ist am Abend des fünftletzten Tages vor der Kommunalwahl in Lüdenscheid ein karges: Vier Stühle, fünf Tische, vier Bürgermeisterkandidaten, vier Gläser, vier Wasserflaschen, warum auch immer ein gelber Sonnenschirm. Dazu der Conferencier, der an diesem Abend die Hauptrolle spielen wird: Klaus Brunsmeier, BUND-Landesvorsitzender, Mitglied des Bundesvorstandes, Geschäftsführer der Heesfelder Mühle zwischen Lüdenscheid und Halver. Brunsmeier gibt den Plasberg, fragt hart, fair, wird auch wie in der TV-Show münden.

Aber nicht nur, Brunsmeier ist auch ein bisschen in missionarischer Absicht unterwegs: Es geht um Umwelt- und Klimaschutz, um ein klimaneutrales Lüdenscheid im Jahr 2030 und darum, welcher potenzielle Bürgermeister der größte potenzielle Klimaschützer ist.

Klaus Brunsmeier, BUND-Landesvorsitzender, Mitglied des Bundesvorstandes, gibt den Plasberg, fragt hart, fair, wird auch wie in der TV-Show münden.

„Alle reden über Corona, dabei ist die Klimakatastrophe die viel größere Bedrohung für die Menschheit“, leitet Brunsmeier den Abend ein und zitiert den Physiker Harald Lesch: „Natur und Umwelt verhandeln nicht. Sie tun das, was sie tun, ohne soziale und wirtschaftliche Belange zu betrachten. Der Planet ist endlich, wir müssen schnell handeln.“

Knuths Ideen für den Alltag

Brunsmeier ist nicht wie Natur und Umwelt, er verhandelt an diesem Abend. Er legt den Bürgermeisterkandidaten grüne Tretminen auf ihren Weg ins Bürgermeisteramt. Die Grünen selbst haben keinen Kandidaten, also hat auch niemand ein Heimspiel auf dieser Bühne. Vielleicht Olaf Knuth, der sich im Verlaufe des Abends als E-Auto-Fahrer und „Balkon-Kraftwerk“-Betreiber entpuppt und viele interessante Ideen für den Alltag mitbringt, u.a. die Abschaltung aller Nebenstraßen-Ampeln zwischen 22 und 5 Uhr sowie die Umrüstung aller Lüdenscheider Laternen von 70-Watt-Birnen auf LED-Leuchtmittel. Aber der parteilose Knuth ist in der Runde auch der einzige wohl eher chancenlose Kandidat bei der Wahl, den anderen – NPD-Mann Stephan Haase – hat der Veranstalter, die Bürger-Energie Lüdenscheid eG, nicht eingeladen.

Der parteilose Bürgermeister-Kandidat Olaf Knuth.

Die Kandidaten von SPD, CDU und FDP bekennen sich – jeder auf seine Art – natürlich in diesem Forum zum Umweltschutz, zu Klimazielen, zum Willen zur Veränderung. Aber Sebastian Wagemeyer, Christoph Weiland und Jens Holzrichter sind keine Vertreter der reinen Lehre. Sie treten auch hier und da auf die Bremse, Holzrichter am abruptesten. Der Freidemokrat findet Umweltschutz grundsätzlich gut. Aber Holzrichter sagt auch, dass E-Mobilität nur so gut ist wie die Stromerzeugung, die dazu gebraucht wird. Er sagt, dass Photovoltaik-Anlagen auf der neuen Musikschule oder der neuen Rettungswache eine gute Sache sind, dass man sich aber auch im Klaren darüber sein muss, dass die Projekte damit 20 bis 30 Prozent teurer werden. Es sind sehr ehrliche Sätze, die auf dieser Bühne nicht sehr gut ankommen.

Podiumsdiskussion der Lüdenscheider BM-Kandidaten zur Energiepolitik

Beim Sozialdemokraten, das erfahren die Umweltschützer, sitzt immerhin die Expertise daheim am Wohnzimmertisch. Sebastian Wagemeyers Ehefrau hat Umwelttechnik studiert. Wagemeyer wirbt für einen neuen Umweltfachbereich an prominenter Stelle im Organigramm der Stadt, er wirbt auch für Smartregelungen in und Energieeinsparungen durch Sanierungen von öffentlichen Gebäuden, und für Windkraft („Ohne Windkraft wird die Energiewende nicht funktionieren.“), aber eben nicht so konkret. Als Klaus Brunsmeier vorrechnet, dass man in Lüdenscheid 70 Windräder aufstellen oder 560 Hektar mit Photovoltaik-Anlagen ausstatten müsse, um den nach einem Mittelwert für ganz Deutschland errechneten Stromverbrauch für die Bürger der Bergstadt selbst zu generieren, da mag Wagemeyer nicht konkret sagen, wie viele neue Windräder es mit ihm geben wird. Brunsmeier wüsste es gerne, doch Realpolitik geht anders. 

Sebastian Wagemeyer kandidiert für die SPD.

Auch Christoph Weiland hat Ideen für den Umweltschutz mitgebracht. Das Thema ist ihm aus seinem beruflichen Werdegang alles andere als fremd. „Wenn wir klimaneutral werden wollen, müssen wir uns um Energieerzeugung und Energieeinsparungen gleichermaßen kümmern – das ist eine Querschnittsaufgabe im Rathaus fürs Bauwesen, die Verkehrsplanung und auch die Finanzen“, sagt der Christdemokrat, der Photovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden ebenso auf dem Schirm hat wie den Ausbau des Radverkehrs, die E-Lade-Infrastruktur, Sharing-Modelle im Verkehr, die Möglichkeit, in Lüdenscheid Wasserstoff tanken zu können, Lösungen für den Öffentlichen Nahverkehr. Die haben Wagemeyer und Holzrichter genauso. Wagemeyer geht es zudem darum, ein Bewusstsein beim Bürger für den Umweltschutz zu schaffen, eine entsprechende Haltung.

Schlussrunde wie bei Plasberg

So gibt es so viele Ideen. Brunsmeier hätte aber gerne konkretere Bekenntnisse. Er hakt nach, zitiert Fragen aus dem Chat. Neben den 70 Gästen im Kulturhaus – die Abstandsregeln lassen nicht viel mehr zu – schauen am Abend mehr als 200 Interessierte den Live-Stream im Internet an und schicken ihre Fragen auf die Kulturhausbühne. Brunsmeier lässt die Finanzbedenken nicht gelten. „Wenn die Fridays-for-future-Bewegung wählen könnte –würde sie dann verbrannte Erde oder neue Schulden für Fehler der Vergangenheit wählen?“, fragt der Halveraner rhetorisch und fordert, dass aus der „Stadt des Lichts“ doch vielleicht die „Stadt der Stromspeicherung“ werden könnte, dass Lüdenscheider Unternehmen Vorreiter für neue Speichertechnik werden könnten.

Jens Holzrichter, der Spitzenkandidat der FDP.

Brunsmeier ist nicht der einzige, dem die Ansätze und Bekenntnisse der Bürgermeisteranwärter nicht weit genug gehen. Wolfgang Utsch von der Energiewendegruppe MK/LS rutscht während des Vortrags nervös auf seinem Stuhl herum und murmelt: „Hier wird über Krümel gesprochen und die dicken Dinger fasst keiner an.“ Als er das Wort erhält, stellt er die Kandidaten zur Rede: Seine Gruppe möchte ein Wärmenetz und ein Bioheizwerk für die Innenstadt. Warum will die Politik dies nicht? Die Kandidaten sind sich da sehr einig: Weil man in der Altstadt die Menschen nicht zwingen kann, ihre Heizungen auszubauen und durch eine Übergangsstation zu ersetzen. Punkt.

Christoph Weiland bewirbt sich für die CDU um den Bürgermeisterposten.

Es ist kein Abend zum Gewinnen, sondern ein Abend, den die Kandidaten durchleiden müssen. Ein Gast aus dem Publikum prangert die Heizpilz-Entscheidung des Rates – getroffen von allen Fraktionen – an und erhält lauten Beifall. Aus dem Chat wird die Frage gestellt, warum Lüdenscheid es nicht wie andere Städte, zum Beispiel Steinfurt und Saerbeck, schaffe, Vorreiter zu sein in den Bemühungen um Klimaschutz und Umwelt. Das ist nach allen Ausführungen – auch und gerade um das Klimaschutzpaket der Stadt – ein wenig unfair und zeigt die Diskrepanz auf zwischen der realen Politik und den Wünschen jener Klientel, die an diesem Abend das Thema bestimmt.

Doch die Kandidatenriege verliert dabei ihren Humor nicht. Als Brunsmeier zum Finale ganz den Plasberg gibt und von den Kandidaten wissen will, wie sie mit einem speziellen anderen Kandidaten der Runde Umweltschutz gestalten würden, will Sebastian Wagemeyer Klimaschutzmaßnahmen umsetzen und Jens Holzrichter das Zahlenwerk stemmen lassen. Und Christoph Weiland? Der will mit Sebastian Wagemeyer zusammen Musik machen – und zwar draußen und ganz ohne Heizpilze.

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