Abgelutschte Schoko-Kekse

Hans Gerzlich philosophierte im Kulturhaus über den Sinn und Unsinn von Arbeit im Akkord. - Foto; Rudewig

Lüdenscheid - Das Wartezimmer eines Therapeuten war am Donnerstagabend eingerichtet in der Garderobenhalle des Kulturhauses. Der Comedian Hans Gerzlich nahm auf einem der Stühle Platz, leger, eine Zeitschrift in der Hand. Während er darauf wartete, aufgerufen zu werden, plauderte er. Von der Wirtschaft zur Politik, über die Gesellschaft und zurück zur Wirtschaft.

Gute zwei Stunden philosophierte Gerzlich, der als vierter Bewerber um die „Lüdenscheider Lüsterklemme“ auftrat. Zum Beispiel über „Frau Merkels Politik – so geradlinig wie der Nachhauseweg von Harald Juhnke“. Es gab Überlebenstipps für das nächste Meeting und die „Strategie des letzten Wortes“, den Unterschied zwischen Vorstand und Verstand und Überlegungen, die nächsten Wahlen auf einen Montag zu verlegen, dem Volk einen halben Tag frei dafür zu schenken und 100 Paybackpunkte. Dann sei die Wahlbeteiligung höher. Wobei die Entschlüsslung kryptischer Abkürzungen wie „hdgdl“ im Handy-Display („Wussten Sie, was das heißt? Hab dich ganz doll lieb“) nicht mehr zu den innovativen Ideen eines Kabarettisten gehört. Und auch die Witze, die er erzählte, hatten schon einen ordentlich langen Bart.

Nach der Pause dann ein anderer Gerzlich. Wuschel-Haare, T-Shirt, Sweatjacke. Anderer Mensch, das gleiche Wartezimmer. Und plötzlich merkte man, dass da eine Menge Hintergrundwissen war rund um das, was er da erzählte. Der Kabarett-Seiteneinsteiger weiß, wovon er spricht, hat er doch selbst jahrelang in der Branche gearbeitet. Insofern ist seine Kunstfigur nur zum Teil eine solche, und im Mittelpunkt seiner Programme steht das einstmals eigene Terrain.

Gerzlich hielt sich strikt an seinen Ablauf. Die Interaktion mit dem Publikum in der nahezu ausverkauften Garderobenhalle war marginal, die eigenen Bewegungen ebenso. Keine Rampensau, kein Entertainer, aber einer, der weiß, was er sagt. Einen Gutteil der zweiten Hälfte machten Verhaltenstipps aus, wie man den Burnout in der Firma ankündigt und sich mit dem Ablutschen und Zurücklegen der Schoko-Kekse während des Meetings dauerhaft ins Gespräch bringt.

Der Gelsenkirchener punktet am Ende seines Programms „So kann ich nicht arbeiten“ mit einer Form von Ehrlichkeit, wie man sie selten bei Kabarettisten erlebt. Er bedankt sich beim Publikum für den Abend. Für die Bereitschaft, jemanden sehen zu wollen, der nicht dreimal in der Woche im Fernsehen zu sehen ist.

Er erzählte über sich und davon, wie er selbst mit seinem Ausstieg aus dem Energie-Unternehmen und dem Einstieg in die Welt des Kabaretts umgeht: „Labern Sie sich den ganzen Scheiß jeden Abend von der Seele“ – genau das hat er getan.

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