Tierische Visite für alte und demenzkranke Menschen

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Hannelore Lahr (re.) und Betreuungsassistentin Elisabeth Tews mit Pudel Gispi auf ihrer Besuchsrunde.

Lüdenscheid - Frau S. liegt im Bett und starrt vor sich hin. Die 77-Jährige ist bettlägrig und demenzkrank. Als Hannelore Lahr und ihr Pudel Gipsi in das Zimmer kommen und an ihr Bett treten, hellt sich ihre Miene auf und sie lächelt. „Na, du kleiner Moppel“, sagt Frau S. und streichelt Gipsis lange, weiche Ohren und nimmt seine Pfote in die Hand.

In der nächsten guten Stunde erhalten zehn Bewohner des Hauses Elisabeth an der Graf-von-Galen-Straße Besuch von Hannelore Lahr und ihrem Hund. Sie (72) und er (12) kommen jeden Monat mindestens zweimal in die Einrichtung der Caritas und besuchen nach Absprache mit der Pflegedienstleitung Menschen, die nicht mehr mobil oder an Demenz erkrankt sind. Sind sie gerade nicht empfänglich für die ungewöhnliche Visite der beiden oder schlafen, dann geht’s weiter zur nächsten Station.

Maria Bilinski ist 106 Jahre alt und hat sehr viel Spaß an ihrem vierbeinigen Freund.

„Schwalbennest“, „Rosengarten“, „Kastanienallee“ und „Ebbeblick“ heißen die verschiedenen Etagen. Hannelore Lahr und Gipsi kennen sich zwar aus, aber immer ist eine Betreuerin dabei, die kurz zuvor ins Zimmer guckt und nachsieht, in welcher Verfassung die Frauen und Männer gerade sind. „Hübsch siehst du wieder aus“, sagt Johanna Paschke und lacht. Sie mag Tiere: „Tiere betrügen einen nie“, meint sie und freut sich, dass sie Gipsi im Nacken kraulen und streicheln kann.

„Manche erinnern sich daran, dass sie selbst mal Tiere hatten früher zuhause und fangen an, ein wenig zu erzählen“, weiß Elisabeth Tews. Die 52-Jährige hat vor einigen Jahren, als sie ihre Arbeitsstelle bei Alberts in Herscheid verlor, nicht den Kopf hängen lassen und eine Ausbildung zur Betreuungsassistentin gemacht: Sie hat eine Namensliste der Bewohner dabei, die heute tierischen Besuch bekommen. Seit drei Jahren arbeitet sie vier Stunden pro Tag als Alltagsbegleiterin im Haus Elisabeth. „Ich bin sehr glücklich darüber und es macht mir sehr viel Freude“, sagt sie.

Hunde hellen Stimmung auf

Die Technische Universität Dresden hat in einer Studie herausgefunden, dass Tierbesuche die Stimmung von alten Menschen und Demenzkranken aufhellen können. Über einen Zeitraum von sechs beziehungsweise zwölf Monaten fanden in zwei Dresdener Pflegeheimen einmal wöchentlich Begegnungen zwischen Heimbewohnern und Hunden statt. Nach Auswertung der Studie kamen die Forscher zu dem Schluss, dass demenzkranke Menschen über die Kommunikation mit einem Hund auch wieder stärker zu sozialen Kontakten mit anderen Menschen angeregt wurden und bei den Senioren Erinnerungen weckten. (Quelle: Internetportal Onmeda.de).

Nicht anders geht es Hannelore Lahr. Seit knapp zwei Jahren ist sie ständiger Gast im Haus Elisabeth: „Hier ist es wirklich sehr schön und wenn es nötig wäre, würde ich hier hingehen“, erklärt sie. Über die Ehrenamtbörse, in die sie ihre Wünsche und Fähigkeiten einbrachte, kam sie auf die Idee, den Besuchsdienst mit Pudel Gipsi anzubieten. „Ich hatte schon immer einen sozialen Hang und bin als Kind schon offen alten Menschen gegenüber gewesen“, sagt. „Das war schon immer in mir drin.“

Der 12-jährige Pudel Gipsi ist sehr lieb. Seinem treuen Blick kann sich keiner entziehen und tut den Senioren gut.

Gipsi ist der ideale Hund für diesen Einsatz. Er ist sehr gepflegt, haart nicht und bedingungslos lieb. Angst muss keiner vor ihm haben, und die Bewohner spüren das sofort. „Am Anfang fiel es mir schon schwer und ich bin sehr bedrückt wieder nach Hause gefahren. Aber jetzt bereitet es mir sehr viel Freude. Und es holt einen zurück auf den Boden, wenn man sieht, wie schwer die Last des Alters werden kann“, sagt Hannelore Lahr.

Gipsi ist nach den Stippvisten, in denen er viel gestreichelt und gekrault worden ist, auch ein wenig geschafft von den vielen Begegnungen und freut sich jetzt auf eine Runde im Stadtpark. Die Freude, die er den Menschen im Haus Elisabeth gemeinsam mit seinem Frauchen gebracht hat, ist ihm wohl nicht so bewusst. Wenn es so wäre, könnte er jedenfalls richtig stolz auf sich sein. - von Martin Messy 

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