In Handschellen aus dem Saal

Lüdenscheid - Nach einem umfangreichen Verfahren fällte die 9. Strafkammer das Urteil gegen den 28-jährigen Lüdenscheider: sieben Jahre Gefängnis, unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubes,gefährlicher Körperverletzung, Erpressung und Nötigung in mehreren Fällen. Direkt nach der Urteilsbegründung erließ Richter Dieter Krause Haftbefehl und ließ den Mann in Handschellen aus dem Gerichtssaal in U-Haft bringen.

Sieben Monate und 17 Verhandlungstage benötigte die Kammer, um den Prozess zu Ende zu bringen. Ein vergleichsweise hartes Urteil hat sogar Strafverteidigerin Lena Retschkemann erwartet. Doch von der sofortigen Festnahme ihres Mandanten ist auch sie „völlig überrascht“, wie sie sagt. „Das ist für die Verteidigung nicht nachvollziehbar.“ Sie prüfe nun Möglichkeiten der Haftverschonung. Ihr Mandant habe sich dem Verfahren „in der Hoffnung auf ein mildes Urteil“ freiwillig gestellt, er habe keine Verwandten mehr in Russland oder Kasachstan.

Trotzdem und trotz seiner „gefestigten beruflichen, sozialen und familiären Bindungen“, wie Krause sagt, sieht das Gericht angesichts des Urteils Fluchtgefahr. Ihm droht weitere Strafverfolgung. Die Staatsanwaltschaft hat nach den Worten des Richters neue Ermittlungen wegen Raubes, schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung gegen den Vater von vier Kindern eingeleitet.

Damit ist die 9. Strafkammer im wesentlichen der Auffassung der Staatsanwältin gefolgt, die acht Jahre Freiheitsstrafe beantragt hatte. Die Zeugen seien weitgehend glaubwürdig und hätten „ohne überschießende Belastungstendenz“ gegen den Angeklagten ausgesagt, heißt es in der mündlichen Urteilsbegründung.

Demnach hat der Verurteilte nach Überzeugung der Richter Angst und Schrecken im Lüdenscheider Milieu arbeitsloser russchischstämmiger Drogenkonsumenten verbreitet und auch vor Entführung und Folter nicht zurückgeschreckt. Die Taten gleichen einem Rachefeldzug, nachdem sein Bruder nach einem geplatzten Drogengeschäft misshandelt wurde. Dieter Krause: „Sein Vorgehen in Wildwest-Manier ist in keiner Weise zu entschuldigen.“

In die Entscheidung ist ein Urteil des Amtsgerichtes Lüdenscheid vom vergangenen Jahr einbezogen, das ihn zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt hatte.

Nach Verkündung des sofort vollstreckbaren Haftbefehls ringt der 28-Jährige sichtlich um Fassung. Bevor er in Handschellen abgeführt wird, bittet er darum, aus dem Gerichtssaal seine Frau anrufen und ihr die Nachricht selbst mitteilen zu dürfen. Den Tränen nahe sagt er seiner Frau, wie die Sache ausgegangen ist, dass er sie liebe, dass sie zu ihm halten solle und dass es die Hauptsache sei, dass es den Kindern gutgeht. Der Entsetzensschrei und das Weinen der Frau ist aus dem Handy bis in die letzte Zuschauerreihe zu hören. 

Olaf Moos

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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