Bergstadt folgt nicht dem Landestrend

Handel im MK zur Corona-Lage: "Die Leute haben einfach keinen Bock auf Masken"

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Oliver Scherff, Feinkost Papageno, ist sich sicher: „Die eigentliche Krise ist der Zustand der Innenstadt.“

Nachdem der Einzelhandel das umsatzschwache Corona-Tal durchschritten hat, kommen mit den Lockerungen auch die Kunden zurück. Das Statistische Landesamt hat für den NRW-Einzelhandel im Juli eine erfreuliche Umsatzsteigerung von 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat bekannt gegeben.

Lüdenscheid – Leider scheinen die schwarzen Zahlen es jedoch nicht bis zur Bergstadt geschafft zu haben. „Nein, die Lage hat sich noch nicht entspannt. Die Kunden sind immer noch sehr verhalten“, kann Manuela Pieper-Krinke von der Confisserie Hussel beobachten. Es werde gezielter eingekauft und das Geschäft schnell wieder verlassen, beschreibt sie das angepasste Kaufverhalten. +

Die lose Ware, die sonst in Selbstbedienung ausgesucht werden konnte, dürfe jetzt nur noch von Verkäufern zusammengestellt werden. Das mache sich auch negativ bemerkbar. „In einigen Testfilialen wird aber gerade ein Konzept ausprobiert, mit dem die Selbstbedienung wieder möglich sein soll“. 

Lüdenscheider Apotheke kein Profiteur

In der Pluspunkt-Apotheke sieht es nicht viel anders aus. Wer meint, Apotheken seien die „Gewinner“ bei der Krise, der irrt. Das weiß auch Inhaber Dr. Armin Kabat: „Ich sehe da keine Gewinner oder Verlierer. Unser Umsatz ist bis zu einem Viertel eingebrochen“. Im Stern-Center seien die Gänge zwar voller Menschen, und auch die Apotheke sieht voll aus. Die Sicherheitsabstände müssen eingehalten werden, und es sei bisher nur ein Kunde pro zehn Quadratmetern Verkaufsfläche erlaubt gewesen: „Das waren zehn Kunden maximal. Sonst waren bis zu 30 Kunden bei uns. 

Dann kommen viele Kunden auch zu zweit. Dadurch mussten sie schon etwas Geduld in der Schlange üben“. Auch das Stöbern in den Regalen fiele weg. Unterm Strich seien täglich rund 20 Prozent weniger Kunden gekommen. Im Vergleich sei das aber noch im grünen Bereich. 

Wenige Einzelhändler haben kein Grund zur Klage

„Es ist schon unangenehm, mit der Maske rumlaufen zu müssen. Aber wenn es uns alle schützt…“, meint Yilmaz Kilic. Er frühstückt mit seiner Frau Esra und den Kindern Bertug und Bulen gerne im Café. Mittlerweile geht die Familie wieder öfters aus, doch „in der ersten Zeit beim Lockdown haben wir viel online gekauft“, sagt der Familienvater. Ehefrau Esra würde sich freuen, wenn die Maskenpflicht endlich abgeschafft wird. Sie glaubt nicht, dass das Virus sehr ansteckend ist. 

„Ein Bekannter wurde positiv getestet und war mit seiner gesunden Mutter in häuslicher Quarantäne. Er hat sie aber nie angesteckt und wurde selbst nicht schwer krank“, unterstreicht sie ihre Einstellung. Björn Jäger vom Modehaus Strodel und Jäger hat wenig Grund zu klagen.

 „Im Moment habe ich das Gefühl, die Kunden sind wieder etwas zurückhaltender als zuvor“, sagt er: „Wir haben einen sehr guten Juli hinter uns. Bis auf die zwei heißen Augustwochen, die uns etwas ausgebremst haben, war das Geschäft in Ordnung“. Dass es nun etwas ruhiger geworden ist, könne an den steigenden Coronazahlen liegen oder auch an dem Wetter, mutmaßt der Inhaber des Modehauses. „Die spannende Frage ist ja, wie es sich entwickelt, wenn die Fallzahlen wieder deutlich hoch gehen, wenn wir in den Herbst reinsehen“. Das Kaufverhalten habe sich deutlich geändert: „Wer kommt, kauft auch, aber dafür sind die Frequenzen geringer“, konnte Björn Jäger beobachten. Dass der erstarkte Onlinehandel den ansässigen Händlern das Wasser komplett abgraben könnte, befürchtet er nicht. Das Gartencenter „Im Gartencenter hat sich nicht weiter etwas geändert“, weiß Monika Martin, Leiterin des Gartencenter Kremer. „Wir haben das Café wieder geöffnet, das zunächst verhalten angenommen wurde“. Tendenziell gehe es ganz langsam aufwärts. „Es ist ein Stück weit normaler geworden. Dafür ist das mit dem Mundschutz immer noch etwas befremdlich. Am besten man setzt ihn morgens auf und denkt nicht mehr weiter daran“, betrachtet sie es optimistisch. Problematisch ist die Gesichtsbedeckung eher für einige ihrer Kollegen: „Die Hitze setzt einem schon sehr zu. Besonders wenn man dabei mit Mundschutz die Pflanzenkarren ziehen oder schwer heben muss“. 

Fußgängerzone in den Vormittagsstunden voller 

Waldemar Leszczynski meidet immer noch größere Menschenansammlungen. „Wichtig ist nur, dass mein Fitnessstudio auf hat“, grinst er. An das Tragen des Mund-Nasenschutzes kann er sich nicht richtig gewöhnen. „Bei der Arbeit muss ich die Maske auch tragen. Man bekommt nicht sehr gut Luft dadurch“, klagt er. Sein Kaufverhalten hat sich nicht drastisch geändert. Allerdings shoppt er öfter über das Internet, als vorher. Einbußen, die dem Coronavirus geschuldet sind, sieht Oliver Scherff, Inhaber des Papageno Feinkostgeschäfts, nicht als Hauptproblem. „Die Innenstadt lässt seit Jahren zu wünschen übrig. Die Zeit des Lockdowns war schon dramatisch. Dadurch, dass wir uns gastronomisch anders aufgestellt haben, haben wir aber noch Glück gehabt“, erklärt er. 

Andere Geschäftszweige, wie das Beliefern von Veranstaltungen, seien komplett weggebrochen. Die eigentliche Krise sei jedoch der Zustand der Innenstadt: „Wenn sich hier nichts ändert, wird es schlimm bleiben. Erst wenn hier jemand etwas verändert, kommen auch wieder Leute in die Stadt, die Lust haben, Geld auszugeben.“ Hauptproblem sei die Infrastruktur. 

„Vormittags geht es, nachmittags ist die Fußgängerzone recht leer“, kann Tanja Schneider vom Blumengeschäft Risse beobachten: „Ich glaube, die Leute haben einfach keinen Bock auf Masken.“ Im Blumengeschäft könne sie öfters Kunden beobachten, die versuchen würden, ohne Maske zum Blumenkauf zu kommen. Bisher seien allerdings die Besucherzahlen nicht mit denen vor dem Ausbruch der Pandemie zu vergleichen.

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