Tiefe Risse in der heilen Welt

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„Zorn“ mit Rufus und Jonathan Beck auf der Kulturhausbühne.

Lüdenscheid -  „Es gibt immer etwas zu verbergen.“ Schon in der ersten Szene fällt ein leiser Schatten auf Alice Harper. Neurologin, mondän, gut situiert, verheiratet mit dem Buchautoren Patrick, ein Sohn, Joe, 16 Jahre alt. Die gutbürgerliche Familie, stets auf politisch Korrektes bedacht, lebt verträumt in ihrer intellektuellen Behaglichkeit. Und dann knallt’s.

„Zorn“ brachte das Ensemble der Hamburger Kammerspiele am Donnerstagabend mit ins Kulturhaus, die Hauptrollen hochklassig besetzt mit Rufus Beck, seinem Sohn Jonathan und Jacqueline Macaulay als Mutter Alice. Als Vater und Mutter erfahren, dass der Sohn eine nahegelegene Moschee mit Farbe beschmiert hat, bekommt die heile Welt der Harpers derbe Risse. Stein um Stein zerfällt die Idylle bis hin zu dem Moment, in dem Mutter Alice gesteht, in ihrer Studentenzeit als Mitglied der Bewegung „The Fury“ (Zorn) an einem Bombenattentat beteiligt gewesen zu sein, bei dem ein Polizist starb. Jacqueline Macaulay zeigte sich in ihrer Rolle dem großen Film- und Theaterschauspieler Rufus Beck durchaus ebenbürtig, als es im Folgenden darum ging, Lebenslügen zu entlarven, Gesellschaftskritik zu üben, Schuld zuzuweisen und die Fehler der Vergangenheit aufzudecken.

Die einzig wirklich sympathische Rolle in dieser scheinbar heilen Welt spielte Jonathan Beck. Er verkörperte mit seinen realen 25 Jahren den 16-jährigen Bühnen-Joe genau so, wie ein Teenager in diesem Alter ist – kein Kind mehr, auf der Suche nach seinem Platz im Leben, ein Heranwachsender, der seinen unerklärlichen Zorn mit einer Straftat kompensiert. Die Frage nach dem „Warum?“ wird mehrfach gestellt, aber an keiner Stelle gewinnbringend beantwortet.

Der Abend machte nachdenklich, zumindest das, was man akustisch noch bis in die zehnte Reihe hinein verstand. Vor allem Jacqueline Macaulay blieb stimmlich zu leise und war nur dann deutlich zu verstehen, wenn sie sich im vorderen Bühnenbereich bewegte. So ging auch ihr Abschlussmonolog leider in weiten Teilen unter.

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