Aufräumen nach Möhne-Anschlag

Lüdenscheider mitten in der Katastrophe

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Richard Oettinghaus war beim Reichsarbeitsdienst in unmittelbarer Nähe der Möhne, als die Katastrophe passierte.

LÜDENSCHEID - Als 18-Jähriger war Richard Oettinghaus im Reichsarbeitsdienstlager Brilon-Gudenhagen, als am 16. Mai 1943 nach einem Luftangriff der Briten die Staumauer der Möhnetalsperre zerstört wurde. „Wir wurden am zweiten Tag danach nach Neheim-Hüsten in großen Hotelsälen, deren Boden mit Stroh und Decken bedeckt war, untergebracht, um aufzuräumen.“

„Aufräumen“ klingt ein wenig harmlos für das Bild, das sich dem jungen Mann bot. Der „Tsunami-Strom“, der sich nach der Zerstörung des Bauwerks ins Tal ergoss, riss mehr als 1200 Menschen in den Tod, darunter mehr als 1000 Zwangsarbeiter.

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„Die oberhalb von Neheim sich verengende Tallage führte dazu, dass dort die Flutwelle nochmals auf zehn Meter anschwoll, um dann mit voller Wucht in den Talbereich unterhalb von Wiedenberg und Totenberg einzufallen. Welch ungeheure Kraft die Flutwelle hier gehabt hat, geht daraus hervor, dass sie aus der in das Tal vorgestoßenen Wiedenberg-Nase einen etwa acht Meter hohen und doppelt so breiten Felsbrocken herausriss“, erinnert sich der heute 88-Jährige.

Rund 40 Quadratkilometer Ackerland und Weide werden zerstört, darunter das Kulturdenkmal Kloster Himmelpforten, aber auch Bahngleise und Straßen. „Wichtigste Aufgaben waren die Rettung Überlebender und Verletzter sowie die Bergung der Leichen.

Die völlig verschlammten, oft unkenntlichen Toten wurden gewaschen und in der St. Johannes Kirche aufgebahrt. Ihre Identifizierung war schwierig, oft unmöglich. Die umgekommenen Zwangsarbeiter wurden mit Lastwagen zum Möhne-Friedhof gefahren und in schnell ausgehobenen Massengräbern beigesetzt. Nur ihre Anzahl und das Geschlecht wurden in amtlichen Unterlagen festgehalten. Wegen der MaiHitze war Eile geboten. Es drohte Seuchengefahr.“

Auch an der Reparatur der Gleise und der Straßen ist Oettinghaus beteiligt. Der Transport Richtung Osten nach Russland muss schnell wieder rollen. „Wir waren als junge Leute wie chloroformiert durch die Parolen und haben zehn Stunden am Tag aufgeräumt.“ Auch mit der Zündung der Rollbombe und deren auf Wasserdruck ansprechenden Zünder hat sich Richard Oettinghaus später intensiv beschäftigt. „Diese extra für solche Zwecke konstruierte Bombe hat dafür gesorgt, dass die damals größte Staumauer Europas brach.“

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