Wo Häuser weiterleben: Bauakten im Stadtarchiv

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Im Stadtarchiv werden rund 800 Bauakten aufbewahrt, die für Tim Begler eine wichtige Quelle zur Erschließung der Geschichte Lüdenscheids darstellen.

LÜDENSCHEID - Begibt man sich auf eine Zeitreise im Stadtarchiv, kommen wahre Schätze ans Tageslicht. Zentimeterdicke Akten, in denen der Bau vieler Lüdenscheider Gebäude detailverliebt dokumentiert ist. Das Besondere: Die Häuser existieren heute schon lange nicht mehr.

Von Monika-Marie Finke

Ganz hinten auf der linken Seite der Regalreihe im Stadtarchiv könnte man eine kleine Fantasiestadt erbauen, denn genau dort leben viele alte abgerissene Häuser Lüdenscheids in den Bauakten sinnbildlich weiter. Auf leicht vergilbten Zeichnungen haben Architekten aus vergangenen Zeiten mit Präzision die Entstehung von Häusern, Fabrikgebäuden und auch deren Umbauten festgehalten. Beim Durchblättern der schon äußerlich interessanten Bauakten entstehen so alte Häuser neu, die aus dem Stadtbild verschwunden sind.

Eigener Brunnen im Keller

So kann man zum Beispiel heute noch sehen, dass eines der herrschaftlichen Häuser sogar einen Brunnen in seinem Keller sein Eigen nennen konnte. „Wenn sich jemand ein Haus bauen oder Veränderungen daran vornehmen möchte, muss er sich das vom Bauamt genehmigen lassen. Das ist schon lange so und es müssen natürlich auch die Pläne dazu eingereicht werden“, erzählt Tim Begler, Leiter des Stadtarchivs. Früher tat man das bei der Baupolizei. Und die war Teil der sogenannten guten Polizei. „Heute entspricht dem der Bereich der Ordnungsämter“, erklärt Tim Begler weiter. Und für Bausachen ist da das Bauordnungsamt verantwortlich.

Das kommunale Amt hat in seinem Bestand Akten über Häuser, die noch im Stadtbild zu finden sind. Die Bauakten von Häusern, die der Abrissbirne zum Opfer fielen, landen jedoch im Archiv der Stadt. „Wir bewahren hier momentan knapp 800 Akten von nicht mehr existierenden Gebäuden auf“, so Tim Begler. Und in denen befinden sich wahre Schätze. Die Bauakten sind spannend zu lesen und hochinteressant, weil in ihnen der Bestand an Häusern einer Stadt dokumentiert wurde. Und das nicht nur zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, denn Umbaumaßnahmen mussten ja auch genehmigt werden.

Bauakten beantworten viele Fragen

„Anhand der Schriftstücke wird somit der Wandel der Bauten deutlich“, erläutert Tim Begler. „Die Bauakten sind eine der vielfältigsten Quellengattungen, die wir haben. An Hand dieser Akten kann eine ganze Vielzahl von Fragen beantwortet werden, denn dokumentiert sind nicht nur das Wohnumfeld und seine Veränderungen, sondern auch das Arbeitsumfeld und der öffentliche Raum, denn auch über die da-für errichteten Gebäude, existieren natürlich Bauakten.“

Eines kann man nach dem spontanen Stöbern in den alten Unterlagen sicherlich behaupten: Lüdenscheid zeichnete sich durch einen beeindruckenden alten Hausbestand aus, denn das ist in den alten Schriftstücken dokumentiert. Wenn solche Häuser dann doch abgerissen werden, bleiben sie auf eine andere Art und Weise im Stadtarchiv erhalten. So lebt zum Beispiel das Haus Dicke mit den vielen Schlafräumen und dem eigenen Brunnen im Keller des Hauses in der alten und sehr umfangreichen Bauakte weiter. Die vielen Zeichnungen zeugen von den Veränderungen am Haus und dem Fabrikgebäude seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Das ist zwar kein Ersatz für das Haus, aber anhand der vielen Zeichnungen und Fotos gerät es, wie auch viele andere abgerissene Häuser der Stadt, nicht in Vergessenheit.

Und wie steht es doch an einer Hauswand in Lüdenscheids schöner Altstadt: „Man reißt das Haus nicht ein, das Väter uns gebaut, doch richt sich’s jeder ein, wie er´s am liebsten schaut.“

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