Gutachten über bunte Betrügerin (53) - Prozess

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Lüdenscheid - Es kommt wohl eher selten vor. Aber in diesem Fall bedauert Strafrichter Andreas Lyra ausnahmsweise, „dass wir hier nicht in den USA sind, wo man beliebig Bewährungsauflagen verhängen kann“. Ansonsten, sagt er, müsste die knallbunt gekleidete Frau „Fotos von sich in allen Lüdenscheider Friseur- und Kosmetiksalons verteilen“. Damit die 53-Jährige sie nicht mehr betrügen kann.

Denn darin ist die kleine Dame mit der durchdringenden Stimme geübt. Sechs Vorstrafen, alles einschlägig, also: immer nach demselben Muster. Die Strafen haben dazu geführt, dass die Betreuer in ihrer Einrichtung das Taschengeld gekürzt haben. Eigentlich gibt’s pro Nase 98 Euro im Monat. Aber: „Immer mittwochs kriege ich zehn Euro.“ Das muss reichen. Tut es aber nicht. Denn Zigaretten und Fingernägel, „das kostet ja immer alles Geld“.

Zuletzt ließ sie sich in einem Salon an der Heedfelder Straße die Augenbrauen zupfen und färben, für 25 Euro. „Leider“, sagt sie zum Richter, habe sie kein Taschengeld dabei gehabt. „Ich habe nur daran gedacht, dass ich mich fein mache.“ Man wolle ja schließlich „anständig und wie ein Mensch“ aussehen. Und als ob der Richter ihre Jacke übersehen könnte, fügt sie hinzu: „Ich mag die bunten Farben.“

Andreas Lyra hat Geduld und sogar ein bisschen Verständnis. „Bei der letzten Vernehmung sagte sie, beim Friseur seien alle immer so nett zu ihr, und es sei warm und es gebe leckeren Kaffee.“ Aber er darf ihr diese Eskapaden nicht durchgehen lassen. Immerhin saß sie schon einmal im Gefängnis. „Es war ganz furchtbar dort.“ Müsste sie tatsächlich Portraitbilder von sich verteilen, bekämen Salons in Köln, Hamburg oder Berlin auch welche. „Da fährt sie dann mit dem Zug hin“, so die Betreuerin. Auch ohne Taschengeld. Weitere Strafanzeigen sind anhängig. Lyra: „Das ist hier nur die Spitze des Eisberges.“

An der Schuldfähigkeit der Angeklagten zweifelt der Strafrichter nicht. „Sie ist ja einsichtsfähig.“ Ob sie ihren Drang zum Verwöhnenlassen aber künftig steuern könne, sei fraglich. Nun soll ein psychiatrisches Gutachten darüber Aufschluss geben. Das Verfahren wird ausgesetzt.

Olaf Moos

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