„Große Zeit“ der Narren ist lang vorbei

Sie versprühen ungetrübte Freude am Karneval: Die Kinder im Kindergarten Freiheit hatten gestern viel Spaß. ▪

ALTENA ▪ Rosenmontag, kurz vor Mittag, in der Kirch- und in der Lennestraße. Menschen auf dem Weg zum Einkauf oder zum Arzt. Rosenmontag? Ja, wo ist der denn, möchte man fragen. Ein paar Schritte weiter, im Kindergarten Freiheit im Schatten des Stapelcenters: Hier brummt es. Ausgelassen tanzen und hüpfen die Mädchen und Jungen in den schönsten Verkleidungen, haben sichtlich Spaß - und die Betreuerinnen mit ihnen.

Weiberfastnacht gab es auch ein bisschen was zu feiern in der Burgstadt – aber sonst? Offenbar ist der märkische Teil des Sauerlandes kein gutes Pflaster für rheinisch-närrische Ausgelassenheit.

Das war nicht immer so: Ungleich bunter und turbulenter ging es noch vor etwas mehr als 30 Jahren zu, 1978 zum Beispiel. Da gab es in Altena nicht nur die Karnevalsgesellschaft „Dat sin se“, sondern auch „Die goldigen Narren“, einen Ableger der Kolpingsfamilie, es gab Prunksitzungen und einen Elferrat. Bürgermeister Günter Topmann wurde beim „Sturm auf die Burg Holtzbrinck“ der symbolische Schlüssel dazu abgeknöpft und auf der Lenneuferstraße schlugen Tanzmariechen ein Rad nach dem anderen.

Und heute: Für Junioren gibt es reichlich Angebote, ob im Kindergarten, in der Schule oder auf Initiative von „Altena aktiv“ im Haus Lennestein, es gibt die Weiberfastnacht in ausgewählten Kneipen und in der Burg Holtzbrinck – damit erschöpft sich das karnevalstische Treiben.

In seinen Wurzeln steht der Karnevalsbrauch der katholischen Kirche nahe. Und wo ist er geblieben in der Burgstadt? Cornelia Langenbruch, die lange Zeit im Pfarrgemeinderat von St. Matthäus tätig war, nennt eine der vermuteten Hauptursache an erster Stelle: „Der Karneval ist hier nicht so verwurzelt.“ Zwei weitere Aspekte kommen für Langenbruch dazu: Zum einen habe sich das Frezeitangebot als solches erheblich verändert, zum anderen gebe es eine erkennbare Tendenz: „Die Leute legen sich nicht mehr so auf Vereine fest“. Das sei vielerorts festzustellen.

Seit fast 60 Jahre kennt Diakon Heinz Georg Voß als „Altenaer Junge“ das Karnevalsgeschehen. Für ihn steht fest: „Eine Hochburg waren wir hier nie.“ An die Zeiten von „Dat sin se“ und ihren Gründer Bardenheuer, den aus Köln zugereisten „Koelschen Joe“ kann sich Voß erinnern, natürlich auch an die „Goldigen Narren“. „Das hat sich aber irgendwann überlebt, und dann war es vorbei.“

Voß macht darauf aufmerksam, dass die Karnevalsbräuche in unterschiedlichen Teilen des Sauerlandes auch unterschiedlich präsent sind. „Hinter Plettenberg geht es wieder los“, sagt Voß und erinnert an Attendorn und Drolshagen, wo sogar Wagen aus dem Kölner Karneval in den Zügen mitfahren.“ Ähnlich hoch her gehe es oftmals im kurkölnischen Sauerland, „wo die katholischen Konfessionsanteile deutlich ausgeprägter sind.“ Es könne durchaus also an der eher protestantischen Prägung des märkischen Sauerlandes liegen, dass der Karneval hier nur auf kleiner Flamme gekocht wird. Gleichwohl sagt Voß: „An Konfessionen kann man das heute nicht mehr fest machen, ob jemand gerne Karneval feiert oder nicht.“

Harmut Westpfahl, der für den Heimatverein der Schlesier regelmäßige Karnevalsveranstaltungen organisiert, berichtet, dass man im Bereich des Seniorenkarnevals derzeit sogar noch Zuwächse vorweisen kann. Der Rückgang der großen Veranstaltungen habe aber seinen Grund wohl auch darin, „dass heute jede Seniorenrunde ihren eigenen Karneval feiert.“ ▪ Von Thomas Keim

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