Biographische Anekdoten

Gregor Gysi zu Gast beim Lüdenscheider Gespräch

Gregor Gysi: „Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Präsident“.
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Gregor Gysi: „Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Präsident“.

Lüdenscheid - Diesem Ansturm war der rote Saal des Kulturhauses nicht gewachsen: Viele Besucher blieben draußen, als Dr. Gregor Gysi, prominentester Vertreter und langjähriger Fraktionsvorsitzender der Partei „Die Linke“, im Rahmen des „Lüdenscheider Gesprächs“ über sich und sein Verhältnis zur verblichenen DDR sprach.

Kulturhausleiterin Rebecca Egeling nutzte die Gelegenheit für eine Charmeoffensive und lud die gestrandeten Besucher in Henrik Ibsens „Volksfeind“ im großen Theatersaal ein. Für die Sicherheit des prominenten Gastes sorgten Beamte aus zwei Polizeifahrzeugen, die rund ums Kulturhaus die Präsenz der Ordnungshüter anzeigten.

Als Schwerpunkt des Gesprächs bemühten sich Prof. Arthur Schlegelmilch vom Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität und Alexandra Przyrembel, Professorin für die Geschichte der europäischen Moderne, um eine Klärung von Gysis Verhältnis zur DDR. „Es gab ein Leben vor 1989“, begrüßte Schlegelmilch den Gast, der sich ein wenig sträubte und schwindelte: „Das habe ich vergessen.“ Natürlich hatte der gelernte Anwalt nichts vergessen und war bereit, umfassend über seine Familiengeschichte Auskunft zu geben. Gysi stöhnte ein wenig auf, als er auf den Umfang der noch zu leistenden familiengeschichtlichen Forschungen zu sprechen kam. Es gab spannende Erzählungen über das Aufwachsen in einem Haushalt mit Mutter, Schwester und Haushaltshilfe, die sich glücklicherweise kaum je einig gewesen seien. Gysis Vater Klaus lieferte reichen Gesprächsstoff als einstiger Leiter des Aufbau-Verlages und Kulturminister der DDR. Sein Sohn bemühte sich, seine Rolle zu erläutern: „Der typische SED-Funktionär war das nicht.“

Das Ganze war reich gespickt mit politischen und biographischen Anekdoten, die das Publikum immer wieder zum Schmunzeln brachten. Gregor Gysi war nahe dran an dem Prozess, der zur deutschen Wiedervereinigung führte und trug viel Insiderwissen vor. Mittlerweile hat er offenbar seinen Frieden mit „Groß“-Deutschland gemacht: „Inzwischen empfinde ich die deutsche Einheit auch als Gewinn.“ Auf dem Hintergrund der Bürgerkriege des 21. Jahrhunderts und ihrer milderen Variante in Form gesellschaftlicher Spaltungen war Gysis Hinweis auf die Verdienste der PDS nicht ohne Brisanz. Die Partei habe es geschafft, die politischen Funktionäre und Eliten der DDR in das neue Deutschland zu integrieren: „Die waren alle gut an Waffen ausgebildet.“

Zürich, Köln, Lüdenscheid, Brüssel – das waren die vier Stationen des Politikers an diesem Tag. Ungehalten – allerdings auf die gewohnt humorige Art – wurde Gregor Gysi nur einmal: Als Alexandra Przyrembel ihn auf seine neue Rolle als „Vorsitzender“ der europäischen Linken ansprach. „Ich bitte Sie: Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Präsident.“

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