Grausame Kriegsweihnacht: Erinnerungen von Waldemar Pliska

Symbolfoto

LÜDENSCHEID - Der Lüdenscheider Waldemar Pliska stammt aus Ostpreußen. Nicht nur für seine Enkel Jonas und Anna, sondern für alle LN-Leser hat er eine Geschichte aus der Kriegsweihnacht 1943 aufgeschrieben.

"Eine Weihnachtsgeschichte? Nein, ein wahrer und von mir erlebter Weihnachtsabend in dem tief verschneiten und ach so weit von meiner Heimat entfernten Russland.

Als junger Mann von 17 Jahren war ich damals bei der 7. Panzerdivision als Panzerfahrer im Einsatz. Wir befanden uns seit Wochen im Einsatz, als Panzereinheit vor oder hinter der Front – also immer mitten im Gefecht. Wir haben uns von dem ernährt, was uns die dortigen Bauern gaben oder was wir uns einfach organisiert haben. Ein normales Leben war überhaupt nicht möglich.

Wir haben selbst gekocht, selbst die Klamotten gewaschen und dabei natürlich auch die Läuse geknackt. Jeden Tag haben wir mit ansehen müssen, wie links und rechts der Straßen in den Ortschaften oder auch auf weiter Flur die Kameraden durch Granaten und Kugeln zerfetzt wurden; ebenso zu schaffen machten uns Erfrierungen und der Hunger.

Dies alles täglich als noch so junger Mensch erleben zu müssen, war sehr schrecklich.

Warum weint meine Mutter?

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem mich unsere Mutter – ich war damals kaum 17 Jahre alt – zum Bahnhof brachte, um meinem Einberufungs-Befehl Folge zu leisten und in den Krieg zu ziehen. Der Abschied liegt mir heute noch vor Augen. Ich sah unsere Mutter weinen. Sie sagte zu mir: „Gott schütze dich und komme recht bald und gesund wieder nach Hause.“ Dass meine Mutter weinte, ging mir sehr nahe. Warum? Weshalb weinte sie? Die Welt ist doch in Ordnung, dachte ich damals noch. Ein Trugschluss!

Es war August, das schönste Wetter! Ich konnte hinaus in die Ferne und in fremden Ländern was erleben. Da weint man doch nicht! Da freut man sich! So dachte ich damals. Ich, der mit solchem Enthusiasmus in einer solchen Welt lebte, war ein junger Mann, der von den vor ihm liegenden Strapazen, Entbehrungen, den Schrecknissen, dem Leid und Tod noch nichts gehört hatte.

Wieder einmal wurde es dunkel. Wir hatten ungefähr 60 bis 70 Kilometer kämpfend zurückgelegt und sind in Stellung gefahren. Unser Panzer war wie gewöhnlich im Schnee eingegraben und getarnt. Von unserer Panzerbesatzung (vier Mann) wurde der erste zur Vier-Stunden-Doppelposten-Wache eingeteilt. Die ersten waren wie üblich die Jüngsten, und das waren wieder einmal Ulli und ich. Ganz aus der Nähe hörte man noch stundenlang die Geräusche der in Stellung fahrenden Panzer aus unserem Bataillon. Im Hintergrund hörten wir vereinzelt explodierende Granaten und Gewehrschüsse. Es war bitterkalt, wir hatten minus 28 Grad Celsius. Es war sternenklar und in drei Tagen sollte Weihnachten sein.

In der Ferne sah man brennende Dörfer und Gehöfte, am Firmament – ein makaberes Feuerleuchten. Nach meinem Abendbrot – es bestand wie so oft in den letzten Wochen aus kaltem gekochten Fleisch aus der Dose, Kommissbrot und Tee – gingen meine Gedanken in die ferne Heimat. So nach und nach trat Ruhe ein. Für mich war es klar, dass dies nicht normal war. Die Ruhe hatte etwas zu bedeuten. Ich weckte meine Kameraden und auch den Vorgesetzten, die alle fest geschlafen hatten, und machte sie auf diese Situation aufmerksam. Niemand konnte und wollte so recht begreifen, was sich da anbahnte.

Trotzdem sammelten wir unsere Utensilien zusammen und machten unsere Panzer klar zum Gefecht. Man spürte, dass gleich etwas passieren müsste. Aus Erfahrung wussten wir, dass dies die Ruhe vor dem großen Sturm war – und das zwei Tage vor Weihnachten!

Plötzlich war es wieder da, das böse Grollen der russischen Artillerie. Auf die Stunde genau, um 1.30 Uhr nachts, nahmen uns die Russen unter Feuer. Ich kann mich noch an die genaue Uhrzeit erinnern, denn um 1.45 Uhr sollten Ulli und ich als Wache abgelöst werden. Die Nacht sternenklar, 28 bis 30 Grad unter null, zusätzlich erleuchtet durch das Mündungsfeuer, die Leuchtspurraketen und die brennenden Häuser – wahrlich eine schreckliche Nacht und wieder einmal kein Schlaf!

Nach einer Stunde ungefähr sahen wir die Russen angreifen. Unsere Infanterie wurde überrollt und zog sich zurück. Wir hatten mit unserem Panzern den Rückzug zu sichern. Ich startete meinen Panzer – es war ein 60-Tonnen-Königstiger – und setzte mich nach Befehlsempfang in die mir zugewiesene Stellung. Wir fuhren immer in Sichtweite zu den anderen mit kämpfenden Panzern.

Die Einschläge kamen immer näher und näher. Plötzlich sahen wir die russischen Panzer T34 angreifen. Die ersten Panzergranaten, die auch die stärkste Stahlpanzerung durchschlagen, flogen uns um die Ohren. Dann kam das Ereignis, das mir auch nach sechzig Jahren unvergesslich geblieben ist:

Der Tod des besten Freundes

Ein fürchterlicher grell anfliegender Blitz, dann ein ohrenbetäubender fürchterlicher Knall und um uns herum fliegende Stahlsplitter, die an unsere Panzer knallten. Als nach ungefähr zehn Minuten per Funk die Aufforderung gekommen war, dass alle Panzer die Fahrbereitschaft und den Standort melden mussten, haben wir erfahren, dass zwei unserer insgesamt 14 Panzer abgeschossen worden waren. Einer der beiden getroffenen Panzer war mitsamt der Munition in die Luft geflogen. Die Meldungen wurden für mich noch dramatischer. In dem Panzer, der von uns in etwa 30 Metern Entfernung in die Luft geflogen war, hatte mein Freund Ulli aus Ulm gesessen! Er war der Fahrer gewesen. Nach dieser Meldung war es eine Weile gespenstisch still in unserem Panzer.

Mit Ulli Stein verband mich viel. Wir waren gleichaltrig und hatten gemeinsam in Insterburg die Grundausbildung und auch den Panzer-Führerschein gemacht. Er hatte mir viel von seiner Heimat und seinem Elternhaus und von der Autowerkstatt seiner Eltern erzählt. Er sollte als der älteste Sohn einmal nach dem Krieg die Werkstatt übernehmen. Auch seine Schwester arbeitete im elterlichen Betrieb. Er erzählte mir viel von seinem Vater und ganz besonders von seiner Mutter. Er wusste es schon, dass er in den nächsten Tagen ein Weihnachtspaket von seinen Eltern erhalten würde, denn er hatte vor einigen Tagen einen entsprechenden Brief von ihnen erhalten. Diesen Brief hatte er mir einige Male vorgelesen.

Ulli Stein, der mich noch vor zwei Stunden von der Wache ablösen sollte, mit dem ich Freud und Leid teilte, mit dem ich so lange zusammen war, mit dem mich so vieles verband, fiel mitten in der Ukraine in dem Dorf Russka. Er musste so plötzlich von uns gehen.

Wir haben uns erspart, nach ihm oder seiner Erkennungsmarke zu suchen. Als wir aus unseren Panzern ausgestiegen waren, standen wir vor einem riesigen Krater. Wir nahmen unsere Helme ab, obwohl es uns verboten war, und gedachten unserer toten Kameraden. Es war eine sternenklare Nacht, und es war genau ein Tag vor dem Heiligen Abend.

Lange Zeit zum Nachdenken blieb uns nicht. Wir hatten den russischen Angriff zwar abgewehrt, hatten aber den Befehl, uns im Morgengrauen in das nächste Dorf, das ungefähr zwölf Kilometer entfernt lag, zurückzuziehen, um dort Stellung zu beziehen. Weil die Infanterie vor uns lag, hatten wir Zeit, unsere Panzer zu betanken und zu warten.

In einem Bauernhaus, das nur aus zwei Räumen bestand, bezogen wir Quartier. In der Ukraine schlief die ganze Familie im Winter auf dem Sims rund auf dem Ofen. Eine besondere Klappe zum Stall wurde am Abend geöffnet, um die Wärme in den Schlafraum zu holen, denn wir hatten immerhin minus 30 Grad Celsius im Freien.

Raustreten zum Postempfang

Nach einer gründlichen Reinigung – dazu gehörte natürlich auch das Entlausen – legten wir uns rund um den Ofen zum Schlafen nieder. Nach einem kurzen Schlaf habe ich mir ein Herz genommen und Ullis Eltern einen Brief geschrieben. Es fiel mir wirklich nicht leicht, ihnen diese traurige Nachricht zu übermitteln.

Dann am späten Nachmittag hieß es „Raustreten zum Postempfang“ und zur Wacheinteilung. Jetzt geschah etwas, an das ich mich immer wieder erinnern werde, und ich will es auch nie wieder vergessen. Zwei Namen wurden aufgerufen. Die erste Person war ein älterer Unteroffizier, der einen Brief erhalten hatte. Dann wurde Ulli Stein aufgerufen, der ein Paket seiner Mutter bekam. So makaber es auch klang, der Zahlmeister, der mit der Feldpost zu uns an die Front gekommen war, hatte von dem schrecklichen Tod von Ulli Stein noch nichts gehört.

Wir schauten uns alle verlegen an. Ich trat dann vor die Kompanie und erzählte dem Zahlmeister, welch ein schreckliches Ende Ulli Stein hatte. Ich bat ihn dann, mir als Ullis Freund das Paket zu übergeben. Ich erzählte ferner, dass ich bereits einen Brief an Ullis Eltern begonnen hatte. Ich wollte seinen Eltern darin auch mitteilen, dass Ulli mir vor wenigen Tagen vorgeschlagen hatte, den Inhalt des Paketes gemeinsam bei der Feier des Heiligen Abends in einer stillen Ecke zu verzehren. Wir wollten es auch dann gemeinsam verzehren, wenn das Paket schon vor Weihnachten kommen sollte, dies hatten wir uns versprochen. Als ich dann noch hinzufügte, dass ich das Paket auf der Weihnachtsfeier öffnen und den Inhalt verteilen wollte, fand es die volle Zustimmung der gesamten Kompanie. Der Kompanieführer trat dann vor mich hin, gab mir die Hand, schaute mir in meine feuchten Augen und schwieg.

Dieses Ereignis war eine Erfahrung, die für mich unbeschreiblich war, die ich so noch nie erlebt hatte. Noch heute erinnere ich mich an jedem Weihnachtsfest an diese Ereignisse von 1943.

Es kam danach noch etwas, was ich bis heute nicht vergessen habe. Die Einteilung der Wache für den Heiligen Abend wurde angeordnet. Der Ablauf war so geplant, dass um 18 Uhr in einer Scheune die Weihnachtsfeier begann und um 22 Uhr endete. Es wurden Freiwillige für die Wache von 18 bis 22 Uhr gesucht. Niemand meldete sich zunächst. Daraufhin befahl der Spieß, dass – wie immer – die Jüngsten vortreten sollten. Diesmal fehlte Ulli Stein und so traten Marco Went und ich nach peinlichem Schweigen freiwillig vor die Kompanie. Wir beide wussten, dass alle verheiratet waren, Kinder hatten, und es ihnen besonders schwer fiel, an solch einem Abend – dem Heiligenabend – fern der Heimat Wache zu schieben.

Unser Kompanieführer wollte unbedingt, dass wenigstens ich mit Ullis Paket bei der Weihnachtsfeier dabei sein sollte. Ich aber beharrte auf meinem Standpunkt und ließ, wie gesagt, den älteren verheirateten Kameraden den Vortritt.

Um 18 Uhr bezogen wir beiden jüngsten den Doppelposten. Es fiel mir sehr schwer, das erste Mal ohne Ulli den Doppelposten zu beziehen. Es waren an verschiedenen Orten in Abständen rund um unsere Panzer, die tief in den Schnee eingegraben und somit gut getarnt waren, mehrere Posten zur Bewachung eingeteilt. Wir beiden hatten die Scheune, in der die Weihnachtsfeier stattfand, zu bewachen. Ungefähr um 20 Uhr kamen wir an der Scheune vorbei und hörten unsere Kameraden Weihnachtslieder singen. Wir stellten uns an eines der Fenster und lauschten. Es war einmal wieder sternenklar und bitter, bitter kalt. Da hörten wir auf einmal das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“. Wir nahmen unsere Helme ab, stützen uns auf unsere Gewehre und schauten gen Himmel zu den Sternen, nach Westen – nach Hause.

Heimat deine Sterne

Ich sah meinen Kameraden Marko neben mir weinen. Auch er hatte Eltern, Geschwister, Freunde und Bekannte, die sicherlich an diesem Abend an ihn dachten. Plötzlich erklang aus der Scheune laut und deutlich das Lied „Heimat deine Sterne, der Himmel ist wie ein Diamant“. Uns beiden ging das Lied durch und durch. Wir schauten nach oben in den Himmel, sahen die Sterne im tief verschneiten Russland, die auch unsere Lieben in der Heimat sahen. Es war bitter, bitter kalt und eine unheimliche Ruhe. Auf beiden Seiten fiel kein Schuss. Warum? Warum fragte ich mich immer wieder, warum? Warum kannst nicht auch du unter demselben Himmel, unter denselben Sternen mit deinen Lieben gemeinsam in deiner Heimat sein? Es war diese besondere Erfahrung, die mein Leben geprägt hat. Für mich als junger Mensch war es nicht einfach, mit diesen schrecklichen Ereignissen umzugehen; vergessen möchte ich sie aber nicht.

An unsere Kinder und Kindeskinder: Die Narben des Krieges sind für uns Überlebende noch nicht verheilt. Unsere Mahnung muss heißen: Lasst niemals zu, dass Diktatoren (für mich Wahnsinnige) Kriege vom Zaun brechen, die Millionen unschuldiger Menschen in Not und Tod stürzen können."

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