Grabeland: Freies Gärtnern birgt Probleme

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Blick von der Talstraße auf ein ehemaliges Idyll: Die Anwohner beklagen die nun freie Sicht auf die Bundesstraße.

Lüdenscheid - Das sind die letzten Horte echter gärtnerischer Freiheit – ausgerechnet auf städtischem Grund und Boden. Derzeit haben fast 30 Lüdenscheider grüne Parzellen als sogenanntes Grabeland gepachtet. Damit unterliegen sie nicht den peniblen Bestimmungen des Bundeskleingartengesetzes. Doch das freie Gärtnern birgt auch Probleme. So sind sich die Nachbarn eines Grabelandes an der Talstraße und der Pächter inzwischen gar nicht mehr grün.

Entlang dem unteren Zipfel der Freiherr-vom-Stein-Straße und dem letzten Abschnitt der kleinen Straße In der Landwehr erstreckt sich die Anlage mit Eigentumswohnungen. Südbalkone, Blick auf den Nurrehang, ein Garagenkomplex hinterm Haus. Ein Idyll – würden nicht Lärm und Abgase in 50 Metern Entfernung von der Talstraße kommen. Doch als die Neubauten in den 90ern bezugsfertig waren, nahmen die Interessenten das hin. „Stadtnah und grün“ war damals offenbar das Hauptargument der Käufer. Die Wohnungen gingen weg „wie geschnitten Brot“.

Vor acht Jahren einigten sich Vertreter der Stadt und ein Hobbygärtner aus Lüdenscheid darauf, das Brachgrundstück zwischen Talstraße und Wohnhäusern zum Grabeland zu machen. Seither wird die Stimmung schlechter. Anwohnerin Jutta Vonnahme sagt: „Das Grün wurde immer weniger, immer mehr Bäume fielen, und jetzt haben wir im Gegensatz zu früher freie Sicht auf den Autoverkehr und keinen Lärmschutz mehr.“

In der Nachbarschaft wachsen Zweifel, ob das alles mit rechten Dingen zugeht. „Und dann hat er sich auch noch eine Hütte gebaut, mit Betonfundament – bestimmt auch ohne Genehmigung.“ Sogar sonntags nachmittags mache der Pächter ein Feuer an. Und ein paar Mal sei direkt nach einer Baumfällung ein STL-Fahrzeug vorgefahren und habe den Schnitt abgefahren. Der Grabeland-Gärtner, heißt es, habe doch bestimmt Beziehungen beim STL.

So empört die Anlieger sich äußern, so entspannt geht Edgar Weinert, im Rathaus zuständig für die städtischen Liegenschaften, mit dem Thema um. Rechtlich, so seine Zusammenfassung, sei auf dem Grabeland Talstraße alles in Ordnung.

Das Holzhaus sei nicht genehmigungspflichtig, weil es nicht mehr als 30 Kubikmeter umbauten Raumes groß sei. Die drei Bäume vor dem Eingang zur Laube habe der Pächter fällen wollen, das auch beantragt und von der Stadtverwaltung genehmigt bekommen. Die Beseitigung von Büschen oder Sträuchern stehe dem Nutzer frei.

Und zu dem Verdacht, der Grabeland-Gärtner nutze private Beziehungen oder sei sogar beim Stadtreinigungs-, Transport und Baubetrieb beschäftigt, sagt der stellvertretende STL-Werkleiter Andreas Fritz: „Stimmt, der Mann arbeitet bei uns.“ Im übrigen bestätigt Fritz, dass seine Leute kürzlich auftragsgemäß einen älteren Baum gefällt hätten. Edgar Weinert geht noch einen Schritt weiter. „Es werden in Kürze weitere Bäume zwischen der Wohnanlage und der Talstraße gefällt, weil sie nicht mehr standsicher sind.

Im Ergebnis heißt das für die Nachbarn: Keine Chance, das Treiben auf dem Grabeland zu unterbinden, keine Unterstützung von den Behörden, weil keine Handhabe. Grabeland ist kein Kleingarten im rechtlichen Sinne. Die Stadt verpachtet laut Weinert weiter. „Wir haben nicht viel davon.“ Immerhin: Jemand halte das Brachland einigermaßen in Ordnung. - omo

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