Glücklich erschöpft beim Karneval der Läufer

Gemeinsames Lauferlebnis: Die Aktiven der Firma Phoenix-Feinbau aus Lüdenscheid auf dem Zielstück an der Knapper Straße.

LÜDENSCHEID – Die Uhr zeigte am Freitag 18.20 Uhr, noch 70 Minuten bis zum Start des 8. AOK-Firmenlaufes. Es war nach einem der heißesten Sommertage für Brigitte Klein der richtige Moment für den Blick aufs Detail. „Schön, dass es windig geworden ist“, stellte die Chefin der Organisation auf dem sich füllenden Rathausplatz fest. Es war nur ein laues Lüftchen, aber immerhin. Durchatmen bei Klein. Und dann der Nachsatz: „Ich bin froh, wenn alle wieder drin sind.“

Die schwül-warme Witterung hatte den Tag der achten Auflage des Events zu einem Tag der gemischten Gefühle gemacht. Selbst gut trainierte Sportler hätten angesichts der drückenden Hitze wohl alles Mögliche gemacht, aber wahrscheinlich keinen 5000-Meter-Lauf über den Asphalt einer mittelgroßen Bergstadt. Aber es war Firmenlauf-Tag. Am Firmenlauf-Tag ist vieles anders in Lüdenscheid. AOK und Turbo-Schnecken locken längst mit ihrer Großveranstaltung mehr Menschen zum Spalierstehen an den Straßenrand als bei Schützenumzügen. Es ist ein Läuferfest und ein bisschen ist es auch Karneval. Der Lüdenscheid an sich kann nicht gut Karneval, aber wenn Firmenlauf ist, macht er gnädig eine Ausnahme, wenn Menschen mit blauen oder silbernen Perücken oder mit einem Rock aus Kunstrasen durch die Stadt laufen.

Der Aktive lässt sich von diesen Zuschauern, von dieser einzigartigen Stimmung tragen, wenn die Kräfte nachlassen. So unterschiedlich die Gesichter der Läuferinnen und Läufer beim Zieleinlauf auch sein mögen, so sehr eint sie doch ein Ausdruck von glücklicher Erschöpfung. Beseelt vom Erlebten, geschafft für den Moment, aber bereit für den Nachschlag – die Feier auf dem Rathausplatz, der inzwischen viel schmucker ist als bei der Premiere vor sieben Jahren und gut passt zum Bild des Abends einer fröhlich feiernden Stadt.

5825 Läuferinnen und Läufer waren es gestern offiziell, und wenngleich von dieser Zahl diejenigen subtrahiert werden müssen, die sich vom Wetter doch abhalten ließen, so war es eine mehr als stattliche Aktiven-Zahl, die sich nicht abhalten ließ. Nach dem Startschuss lief die Uhr zehn Minuten und 28 Sekunden, ehe der letzte Läufer die Startlinie überquert hatte. Derlei hängt freilich auch damit zusammen, dass der Aktive am Start den ersten Erfolg erzielt, wenn er sein Firmen-Shirt gekonnt vor dem Sprecher präsentiert und dieser via Mikrophon die Firma vorstellt. Das braucht bei 380 Firmen Zeit. Der gemeine Firmenläufer hat es allerdings nicht eilig. Gestern schon gar nicht. „Abmeldungen haben wir nicht bekommen, aber einige Mails, in denen die Firmen angekündigt haben, dass man lieber walken als laufen werde“, erzählte Brigitte Klein vor dem Lauf.

Auch das ist der Firmenlauf: Jeder soll nach seiner Facon, sprich mit seinem Tempo, selig werden. Und die es schneller mögen, die geben halt Gas. Andrej Artschwager, schnellster Läufer des Vorjahres, und Abdulah El Youbari, zweitschnellster Läufer des Vorjahres, zum Beispiel. „Ich hätte ja eigentlich Fußballtraining gehabt“, stellte Westfalenliga-Kicker El Youbari fest, „da hat mein Trainer mir gesagt: Wenn Du dort läufst, musst du auch etwas tun.“ El Youbari ist ein aufmerksamer Schüler und ein ehrgeiziger Läufer. Gestern ließ er sich nicht abschütteln. Artschwager und El Youbari trieben sich gegenseitig an – und dann einigten sie sich auf der Knapper Straße, gemeinsam durchs Ziel zu laufen. „Wir haben beide so gekämpft die ganze Zeit, da haben wir uns gesagt: Jetzt laufen wir halt zusammen“, erzählt Leichtathlet Artschwager, wie El Youbari zum zweiten Mal beim Firmenlauf dabei, später. Ein schönes Bild beim gemeinsamen Zieleinlauf der Schnellsten nach knapp 18 Minuten war es an einem Tag, an dem es eigentlich offiziell 5825 Sieger gab.

Oder waren es noch mehr? Die Turbo-Schnecken und die AOK zählten gestern wieder zu den Siegern. Kein Zweifel. „Ich bin sehr zufrieden und erleichtert“, bilanzierte Brigitte Klein, nachdem auch die letzten Aktiven nach und nach im Ziel angekommen waren. Keine Zwischenfälle – das war das Wichtigste für die Veranstalter. Aufklärung und Warnungen hatte es im Vorfeld in rekordverdächtigem Maß gegeben. „Vielleicht ist das auch ein Schlüssel gewesen – alle waren sehr vorsichtig, haben viel getrunken im Vorfeld und es ruhig gehen lassen“, stellte Klein fest. Eine Zurückhaltung, die die Feiergemeinde freilich nach der Ankunft im Ziel aufgab. Firmenlauf – das ist eben auch ein kleines Stadtfest. Und das kühle Blonde hatte sich die Laufgemeinde gestern redlich verdient. Ach ja, zu den Siegern zählten natürlich auch der Laufsport der Region. Und die Stadt Lüdenscheid, deren Bürgermeister Dieter Dzewas selbst die fünf Kilometer unter seine Laufschuhe nahm. Keine Frage: Ohne den Firmenlauf wäre die Stadt ärmer.

Thomas Machatzke

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare