„Es ging einfach immer so weiter“

Symbolbild

Lüdenscheid - Kein Zweifel: Der verheiratete Mann, Vater von vier Kindern, ist körperlich, psychisch, gesellschaftlich und auch strafrechtlich abgestürzt. Die Hoffnungen seiner Frau (27) auf ein braves bürgerliches Leben sind zerschmettert. Der Ernährer der Familie wird mindestens die nächsten sieben Jahre eingesperrt sein. Die Frau im Zeugenstand ist um einen gelassenen Eindruck bemüht. Doch ihre Schilderungen offenbaren, wie verzweifelt sie sein muss.

Der Fall

Ein Lüdenscheider (29) – im Oktober zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt – soll einen heute 22-Jährigen Ende 2010 geschlagen, getreten und beraubt haben. Zeugen haben die Angriffe bestätigt. Im aktuellen Verfahren spielt nun auch die Suchterkrankung des Familienvaters eine Rolle. Die Juristen diskutieren über Möglichkeiten einer stationären Therapie.

„Das hat 2007 angefangen“, sagt die Zeugin. Ihr Mann habe es für wichtiger erachtet, Freunde zu treffen als sich um Frau und Kind zu kümmern. Anfangs sei er mal eine Nacht weggeblieben, später war er manchmal eine ganze Woche nicht zu Hause. Der Alkoholkonsum, auch in der Wohnung, habe immer größere Ausmaße angenommen, „auch wochentags“. Dann wieder kam er erst morgens heim, schlief den ganzen Tag und war abends wieder weg.

Dass er Drogen nimmt, habe sie gleich gemerkt. „Er hat sich verändert, er war aggressiv und abweisend.“ Und im Schlaf habe er gezittert und geschwitzt. Da sind die beiden Söhne schon auf der Welt, und sie ist zum dritten Mal schwanger. Geld ist die häufigste Ursache von Streitigkeiten. Ein Umzug von St. Augustin nach Lüdenscheid bringt keine Änderung. Die Zeugin seufzt: „Es ging einfach immer so weiter.“

Abends drei oder vier Flaschen Wodka zu drei Mann, dazu reichlich Kokain oder „Pep“, runtergespült mit zehn bis zwölf Flaschen Bier, das alles drei oder vier Tage hintereinander – auch sein durchtrainierter Körper leidet zusehends. Und bis heute hat sich an seinem Gesundheitszustand kaum etwas geändert, sagt der Häftling. „Ich habe Entzugserscheinungen, Knochenschmerzen und Schweißausbrüche und Durchfall. Die Sucht ist immer noch da.“ Den Beginn des Verfalls bringt er mit dem Tod des geliebten Vaters in Zusammenhang. Der war Offizier in der russischen Armee und wurde 2006 von einem Zug überrollt.

Dass der Angeklagte in seinem ersten Prozess nicht über seine Abhängigkeit gesprochen und damit Strafmilderungsgründe in die Waagschale geworfen hat, ist vielleicht auf einen Irrtum zurückzuführen. Der psychiatrische Gutachter Dr. Bernd Roggenwallner erklärt: „Er dachte, dann wird er noch strenger bestraft. In Russland ist das nämlich so.“ Doch das Gemisch von harten Drogen und Alkohol könne durchaus die Steuerungsfähigkeit herabsetzen. - von Olaf Moos

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