Stadt hat Immobilien gekauft

Giftiges Chrom-VI im Grundwasser: Wohnhaus und Firmengebäude im MK betroffen

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Das Foto zeigt das Haus Friedrichstraße 11, das die Stadt Lüdenscheid erworben hat. 

Lüdenscheid – Der Boden und das Grundwasser des Grundstückes an der Friedrichstraße 11 sind mit Chromverbindungen, darunter das sehr giftige Chrom VI, sowie Per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) belastet.

Sowohl das Wohnhaus als auch die Gebäude der ehemaligen Galvanik Schweitzer, die dort von 1975 bis zur Insolvenz im Jahr 1995 ansässig war, müssen abgerissen und das ganze Areal saniert werden. Die Belastungen wurden durch den Betrieb der Galvanik verursacht, wie der Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung (AAV), der die Sanierung durchführt, sowie die Stadt Lüdenscheid und der Märkische Kreis gestern mitteilten. 

Chrom-VI bereits 1989 in dem Bereich nachgewiesen - und beseitigt

Es ist nicht das erste Mal, dass in dem Gebiet, das über viele Jahrzehnte von verschiedenen, insbesondere Galvanik- und Gießereibetrieben genutzt wurde, derartige Chemikalien festgestellt wurden: Bereits im Herbst 1989 berichteten die Lüdenscheider Nachrichten über Schwermetalle wie Chrom und Perchlorethylen (Per), die bei Bauarbeiten im Boden eines benachbarten und nur einige Meter entfernten Grundstücks an der Karlstraße entdeckt und schließlich nachgewiesen wurden. 

Damals stand eine benachbarte Firma unter dem Verdacht, den Boden verseucht zu haben. Veranlasst wurde 1989 die „Entgiftung des Grundstücks“, die laut Hans Jürgen Badziura, städtischer Fachdienstleiter Umweltschutz und Freiraum, erfolgreich umgesetzt wurde. Das Gebiet sei anschließend erneut überprüft worden, „nach der Reinigung wurde dort keine Belastung mehr festgestellt“. 

Stillgelegte Galvanik verursachte die Chrombelastung

Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen den Verunreinigungen von damals und heute: Nach der Entdeckung 1989 sei „Aktenrecherche betrieben“ worden, wie Badziura sagt. Dabei habe man die bereits stillgelegte kleine Galvanik entdeckt und als Ursache für die Chrombelastung ausgemacht. 

Seitdem wurde das Grundstück zwar nicht gereinigt, allerdings gesichert: Betonplatten und Folien dienten seitdem als Überbrückungsmaßnahmen, damit keine weiteren Chemikalien vom Gebäude in den Unterboden gelangten und im schlimmsten Fall weitere Flächen der Stadt verunreinigt hätten. 

Stadt Lüdenscheid hat das Grundstück vor rund zweieinhalb Jahren gekauft

Die Bodenreinigung sei nun möglich, weil die Stadt das Grundstück vor rund zweieinhalb Jahren gekauft hat. Die Kosten für eine solche Sanierung seien sehr hoch, die ehemalige Galvanik Schweitzer konnte für diese laut des Verbandes AAV wegen der Insolvenz und damit einhergehenden Leistungsunfähigkeit nicht aufkommen.

Deshalb springt der Verband nach Absprache mit der Stadt und dem Märkischen Kreis nun ein: Er trägt den Großteil der Kosten der Sanierung, den übrigen Teil teilen sich Stadt und Kreis. Wie Inken Passe vom AAV mitteilte, sei eine Vereinbarung getroffen worden, um die Sanierung in Kooperation durchzuführen und das Grundstück dadurch in Zukunft wieder für andere Bauvorhaben nutzbar zu machen. 

Endgültige Klärung durch weitere Untersuchungen des Bodens

Weiterhin hieß es aber, dass das Ausmaß der Belastung und die Ausbreitung der Schadstoffe erst mit dem Rückbau der Gebäude und weiteren Untersuchungen des Bodens endgültig geklärt werden können. 

Wie stark Grundwasser und Boden belastet sind, konnte sie nicht genau beantworten. Es hieß: „Die Belastung ist so, dass wir sanieren und aktiv werden müssen.“ 1989 hatte der Märkische Kreis nach Analysen von Bohrproben an der Karlstraße einen Wert von 1350 mg/l Chromgehalt angegeben. Eine Gefahr für die Gesundheit der Bürger bestand aber nicht, hieß es damals. 

Stadtvertreter:  Es handelt sich um einen lokal begrenzten Hotspot, der gesichert wurde.

Und auch heute betont Badziura von der Stadt: „Die Chrombelastung gehört da nicht hin, das ist ernst. Allerdings handelt es sich um einen lokal begrenzten Hotspot, der gesichert wurde. Eine Belastung für die Bewohner ist nicht bekannt, sonst wäre eine Bewohnung untersagt worden.“ 

Das Wohnhaus wurde nach dem Grundstückskauf der Stadt entmietet, um die Altlasten zu beseitigen, hieß es. „Wir können die Situation bereinigen.“ Dass derartige Verunreinigungen durch den Betrieb von Galvaniken entstehen, sei nicht ungewöhnlich, sagte Passe vom AAV. Durch in der Galvanik gängige Verfahren wie Verchromungen könne es zu Verunreinigungen der umliegenden Gebäude und des Unterbodens kommen. Badziura betonte: Die Galvanik von damals sei nicht mehr mit Betrieben von heute vergleichbar, „die Schadstoffentsorgung war damals anders als heute“. 

Chrom VI ist löslich und kann daher auch ins Grundwasser geraten, wie hier geschehen. Nachbarn des Grundstücks seien bereits darüber informiert worden, sagte Passe. Das weitere Vorgehen werde sich in den nächsten Schritten zeigen. 

Ab Montag beginnt der Rückbau - Verkehrsbeeinträchtigungen möglich

Die sehen vor, dass bereits ab Montag die Gebäude entkernt werden. Denn dort sind laut Mitteilung Asbest und künstliche Mineralfasern verbaut worden, die ordnungsgemäß entsorgt werden müssen. Als nächstes stehe der Rückbau der ehemaligen Betriebsgebäude und des Wohnhauses an.

Erst nach dem Rückbau werde die Planung zur Sanierung des Bodens abgeschlossen. „Dann entscheidet sich, wie die Schadstoffe aus Boden und Grundwasser entfernt werden können“, heißt es in der gemeinsamen Mitteilung. Während der Bauarbeiten werde es zeitweise zu einer Sperrung des Gehweges sowie Einschränkungen durch den Einsatz schweren Geräts kommen.

Chrom (VI) und PFC/PFT

Im Bereich der Friedrichstraße 11 wurden unter anderem Chromtrioxid (Chrom VI) und Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) im Grundwasser nachgewiesen. Chrom (VI) gilt als sehr giftig, mutagen und krebserregend sowie stark wassergefährdend. Das EU-Parlament hat die Verwendung von Chromtrioxid 2019 verboten. PFC, auch PFT (perfluorierte Tenside) genannt, gelangen leicht in den menschlichen Körper und zersetzen sich dort nicht. PFT steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Bundesweite Bekanntheit erlangten die Gefahrstoffe durch den PFT-Skandal an Ruhr und Möhne im Jahr 2006.

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