Das Gewissen Deutschlands: Widerstand als Notwehr

Gevinon Gräfin von dem Bussche-Kessell mit dem von ihr herausgegebenen Buch „Axel von dem Bussche“.

LÜDENSCHEID ▪ „Geschichte, das ist das Erzählen von Geschichten“, stellt der Journalist Jürgen Engert fest. Er ist einer derjenigen, der seine Begegnung mit Axel von dem Bussche schildert, dem Mann, von dem es in Engerts filmischem Porträt heißt: „Stauffenberg hat in Bussche den Attentäter gefunden“.

Der 20. Juli 1944, der Tag eines, des wohl bedeutendsten, Umsturzversuches: Axel von dem Bussche wurde – durch Zufall – ein Jahr zuvor zum verhinderten, unentdeckten Hitler-Attentäter. Was waren das für Menschen, die Geschichte schrieben und Notwehr als Ausdruck der Selbstachtung zu üben gewillt waren, wie es der Journalist Claus Jacobi wiedergibt? Was hatte den 1919 in Braunschweig geborenen Freiherrn von dem Bussche-Streithorst geprägt, der seinen Freund Fritz Graf Schulenburg den zentralen Zwiespalt im Widerstand erklären lässt: „fühle ... mein Herz die Antwort geben, die der Verstand vergebens sucht“?

Gevinon Gräfin von dem Bussche-Kessell hat nach Antworten gesucht, 1993, unter dem Eindruck der Trauerfeier „für einen Helden“. Sie ließ seine Freunde sprechen, fungierte für die Erinnerungen der Weggefährten und Wertschätzenden, unter anderem Gräfin Dönhoff, noch unter ihrem Mädchennamen Freiin von Medem als Herausgeberin. 1994 erschien die Sammlung, eingeleitet von Richard von Weizsäcker. Der wusste, wie fern dem Freund Selbstdarstellung war. Und doch: Des Freiherrn Rolle erforderte stets Präsenz, Erläuterung, Mahnung. Sein Vortrag „Eid und Schuld“, 1947 vor Göttinger Studenten gehalten, gilt als eine der grundlegenden Analysen und Bewertungen des deutschen Widerstandes.

Im Krieg verlor Axel von dem Bussche ein Bein und Finger. Das hinderte ihn nicht, auch im Frieden Verantwortung zu übernehmen – im Auswärtigen Amt, als Leiter der Internatsschulen Schloß Salem, als erster Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes, im Weltkirchenrat, bei der UN, der Weltbank. Er war, formuliert der britische Historiker Alistair Horne, „mehr als nur die Verkörperung des Gewissens Deutschlands“.

Er habe, weiß die Neuenhofer Gräfin aus zahllosen Gesprächen, sein Leben „stets als Auftrag empfunden, gerade jungen Menschen Verständnis für seine Zeit zu vermitteln, um sie vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren und für die Aufgaben unserer Zeit vorzubereiten.“ Solche Biographien schärften den Blick auf die Vergangenheit, auf Traditionen, gesellschaftliche Entwicklungen und persönliche Antworten. Trotzdem hofft sie, dass der Blick weiter gehen möge, „weil deutsche Geschichte mehr ist als das Dritte Reich“.

Das Buch „Axel von dem Bussche“, hrsg. von Gevinon von Medem, ist 1994 im v. Hase & Koehler Verlag, Mainz/München erschienen. ISBN 3-7758-1311-X.

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