Volker Schmidt im Interview

Gesundheitsamt-Chef aus dem MK: "Das Verständnis war im Frühjahr größer"

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Mit Corona-Reihentestungen – wie hier auf dem Lüdenscheider Schützenplatz – werden es die Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamtes in den nächsten Monaten wohl noch öfter zu tun haben.

Kein Mannschaftssport, kein Kulturbetrieb, keine Restaurant-Besuche: Mit dem derzeitigen Mini-Lockdown ist das gesellschaftliche Leben seit Montag wieder ein Stück weit zum Erliegen gekommen. Im Interview beantwortet Gesundheitsamts-Chef Volker Schmidt die wichtigsten Fragen.

Lüdenscheid - Im Kreis ist die Zahl der Infizierten weiterhin hoch, liegt der Inzidenzwert bei 155,8, gestaltet sich die Nachverfolgung zunehmend schwieriger. Erst in etwa sieben bis zehn Tagen rechnet Volker Schmidt, Fachbereichsleiter Gesundheit und Soziales beim Märkischen Kreis, mit ersten Auswirkungen auf die Zahlen. Kerstin Zacharias sprach mit dem Leiter des Krisenstabs. 

Steigende Infektionszahlen, ein Klinikum im Notbetrieb – wie ernst ist die Situation momentan? 

Die Lage bereitet schon eine gewisse Sorge und ist auch ernst. Wir rechnen in den kommenden Tagen durchaus mit steigenden Fallzahlen, weil der Lockdown light wahrscheinlich seine Auswirkungen erst in einer Woche beziehungsweise zehn Tagen zeigen wird. 

Funktioniert bei solchen Zahlen die Nachverfolgung noch? 

Sie funktioniert unter schwierigen Umständen und nur zeitverzögert. Das heißt, wir können die Kontaktpersonen erst sehr viel später und sogar die Infizierten selbst im Moment nicht tagesgenau informieren. Das ist derzeit einfach zu viel. Wir erwarten jedoch, dass wir durch weitere Personalaufstockungen, die wir vorgenommen haben, vielleicht wieder auf den Stand kommen. Aber das hängt natürlich auch davon ab, wie sich die Fallzahlen weiter entwickeln. Wenn diese weiter so exponentiell steigen, dann wird es auch mit mehr Personal schwierig, da hinterher zu kommen. Aber das ist ja eine Sache, die alle Gesundheitsämter gleichermaßen betrifft. 

Wie viele Personen sind derzeit mit der Nachverfolgung beschäftigt – wie viele sind normalerweise im Fachdienst tätig? 

Im Bereich des Infektionsschutzes sind wir normalerweise ein Fachdienst mit etwa 20 Stellen. Derzeit haben wir allein mehr als 60 Personen für die Ermittlung von Kontaktpersonen. Das ist ja nur eine Aufgabe, für die wir auch externe Kräfte eingestellt haben und weiter einstellen – nach jetzigem Stand etwa 40 Personen. Damit planen wir allein bei den Ermittlungen mit einer Zielgröße von 100 Personen. Daneben haben wir natürlich auch noch das Testverfahren, müssen Abstriche machen, für die wir ebenfalls erhebliches Personal eingesetzt haben. Eine Disposition plant zudem diese Testungen an den einzelnen Einrichtungen und Standorten – auch da sitzen natürlich Beschäftigte. 

Wie gewinnen Sie diese zusätzlichen Kräfte? Bewerben sich Menschen gezielt für diese Aufgabe? 

Genau so läuft das. Es melden sich Leute, weil wir das ja auch publik machen. Dann muss man natürlich immer sehen, wie man die Menschen einsetzen kann. Wichtig ist für uns dabei, dass wir kontinuierlich und auf Dauer planen können – und nicht nur für einzelne Stunden in der Woche. Das würde dann schwierig mit der Dienstplangestaltung. Natürlich muss man dafür auch geeignet sein. Gerade in der Ermittlungstätigkeit ist es nicht immer einfach, die Gespräche zu führen. Es sind eben nicht nur nette Gespräche, sondern sie sind zum Teil auch sehr belastend, vor allem wenn es um eine schwere Erkrankung oder auch einen Todesfall geht. Das ist nicht immer ganz einfach und man muss dafür schon geeignet sein.

Volker Schmidt spricht unter anderem über das verminderte Verständnis der Bevölkerung.

Was sind das für Menschen, die sich bei Ihnen melden? 

Das geht querbeet durch die Bevölkerung. Gerade wenn es um die Abstriche geht, arbeiten wir ja mit vielen Freiwilligen zusammen, sei es ein Arzt im Ruhestand oder ehemalige Pflegekräfte, die eine gewisse medizinische Vorbildung haben. Im Bereich der Kontaktermittlung haben wir eine Reihe von Leuten mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen, zudem die sogenannten Containment-Scouts des Robert-Koch-Instituts, bei denen es sich in der Regel um Studenten handelt – ingesamt also eine bunte Mischung. Damit verbunden ist natürlich eine Einarbeitung: Wir schauen, ob die Aufgabe für die Betroffenen passend ist und dann können sie auch dauerhaft eingesetzt werden. 

Wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen Freiwilligen? 

Die Erfahrungen sind gut, es funktioniert. Natürlich muss man sehen, dass es ein sehr schnelllebiges Geschäft ist – und wir dafür sorgen müssen, dass alle Beteiligten immer einheitlich Auskunft geben. Verändert sich die Lage, verändern sich natürlich auch die Inhalte, sodass unsere Beschäftigten auch immer auf den neuesten Stand gebracht werden müssen. Das ist nicht immer einfach in der

Koordination. 

Vor diesem Hintergrund: Würden Sie sagen, noch läuft die Nachverfolgung oder müssen Alternativen her?

Es funktioniert nicht zufriedenstellend, der zeitliche Verzug ist zu groß. Gerade bei den Kontaktpersonen rufen wir mittlerweile nicht mehr an, sondern arbeiten mit automatisierten Schreiben. Somit funktioniert es nicht so, wie man es sich eigentlich vorstellt – das muss man schon so sagen. Alternativ planen wir ja auch mit der Bundeswehr, wobei auch das – wenn die Fallzahlen weiter so steigen – wohl nicht ausreichen wird. Dann werden wir mit dem zeitlichen Verzug wohl leben müssen. Hinzukommt: Es suchen ja alle Gesundheitsämter, das heißt, der Markt ist nicht so, dass man einfach drauf zugreifen kann. Oder die Menschen haben beispielsweise noch Kündigungszeiten, sodass eine Einstellung auch nicht sofort erfolgen kann. Es ist einfach manchmal ein zähes Geschäft. 

Stichwort Gesundheitstelefon: Haben Sie den Betrieb wieder hochgefahren? 

Ja, haben wir – natürlich auch personell. Aber auch da ist es so, dass wir die Zeiten, vor allem am Wochenende, nicht komplett abdecken können – aus Rücksicht auf unsere Mitarbeiter, die auch einmal eine Pause benötigen. Wir haben einfach zu viele Anrufe, teilweise mehrere tausend pro Tag. Das ist schon eine Hausnummer. Das führt dazu, dass wir zum Teil auch lange Wartezeiten haben. Da kann man immer nur um Verständnis bitten. Wer gar nicht durchkommt, dem bieten wir an, per Mail die Fragen ans Gesundheitsamt weiterzuleiten – diese werden dann schriftlich oder per Rückruf beantwortet. Es ist alles sehr aufwendig, wie vieles gerade in diesem Bereich, und führt eben dazu, dass die Leute nicht immer zufrieden sind. 

Es heißt, es gebe derzeit einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung, das Verständnis sei nicht mehr so groß wie noch im Frühjahr. Empfinden Sie das auch so? 

Am Gesundheitstelefon kann man es tatsächlich nachvollziehen, weil nicht alle mit den Maßnahmen einverstanden sind – nicht zuletzt im Hinblick auf die Quarantänevorgaben. Deshalb kann man sagen, dass der Konsens, wie wir ihn im Frühjahr hatten, nicht mehr so da ist. Das Verständnis war damals größer. Wenn man allerdings durch die Stadt geht, wo häufig eine Maskenpflicht herrscht, dann erlebt man natürlich alle Schattierungen. Aber im Großen und Ganzen werden die Regelungen schon eingehalten. 

Was würden Sie Menschen mit auf den Weg geben, die mit dem erneuten Lockdown hadern? 

Zum einen würde ich sie darauf hinweisen, was eine Erkrankung an Covid-19 tatsächlich bewirken kann. Dass es eben nicht nur ältere Menschen sind, die es trifft. Zum zweiten würde ich immer wieder an die Verantwortung für andere appellieren. Es geht doch darum, die Großeltern und Eltern zu schützen, die vielleicht der Risikogruppe angehören. Wenn ich dann als asymptomatisch Erkrankter meine Viren weiter verbreite und es gar nicht merke, dann wird das hinterher möglicherweise die Personengruppe sein, die darunter leiden wird. Denn wir erleben es ja schon jetzt: Der Altersschnitt geht wieder nach oben.

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