Wird die Bundeswehr angefordert?

Gesundheitsamt-Chef zur Corona-Lage im MK: "Müssen uns auf harte Monate einstellen"

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Volker Schmidt führt die steigenden Fallzahlen auf Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung zurück.

Volker Schmidt, Chef des Gesundheitsamts des Märkischen Kreises gibt im Interview einen Überblick zur Corona-Lage, spricht über einen möglichen Bundeswehr-Einsatz im MK und erklärt was jeder Einzelne zur Eindämmung der Pandemie beitragen kann. 

183 Neuinfektionen am Wochenende, 478 akut Infizierte am Montag und eine Inzidenz von kreisweit 91,9 (Freitag: 60,2). Der Märkische Kreis selbst spricht in seiner gestrigen Mitteilung von einem „dramatischen Anstieg“. Neuinfektionen gab es zwischen Freitag und Sonntag in allen 15 Städten und Gemeinden – die meisten in Lüdenscheid (+49) und Iserlohn (+40). Die weiteren Fälle verteilen sich auf Altena (+7), Balve (+1), Halver (+9), Hemer (+6), Herscheid (+3), Kierspe (+3), Meinerzhagen (+8), Menden (+15), Nachrodt-Wiblingwerde (+1), Neuenrade (+7), Plettenberg (+9), Schalksmühle (+10) und Werdohl (+15). 25 Märker befanden sich gestern in stationärer Behandlung, davon zwei auf der Intensivstation (Stand 25. Oktober). Das Gesundheitsamt gerät bei der Kontaktverfolgung nach eigenen Angaben zunehmend in Verzug. Jan Schmitz sprach mit Volker Schmidt, Fachbereichsleiter Gesundheit und Soziales beim Märkischen Kreis, über die aktuellen Entwicklungen. 

Wie bewerten Sie die aktuelle Corona-Lage im Märkischen Kreis? 

Wenn wir den Sommer rückwirkend betrachten, war es keine Überraschung, dass die Fallzahlen so stark ansteigen. Die Hoffnung war, dass man noch mit geringen Fallzahlen bis in den späten Herbst und Winter kommt. Dass die Steigerung jetzt vier Wochen früher angefangen hat, war doch etwas überraschend. Für uns sind die Problemlagen vergleichbar mit dem Frühjahr, wobei die Fallzahlen jetzt sicherlich höher sind. Das bedeutet für uns eine erheblich höhere Arbeitsbelastung. 

Worauf führen Sie die zuletzt höheren Fallzahlen zurück? Es wird ja mehr getestet, aber gibt es auch in Bezug auf das Infektionsgeschehen Besonderheiten im Märkischen Kreis, die man im Frühjahr nicht hatte? 

Zu den Testungen muss man sagen, dass prozentual gesehen erheblich mehr Positivfälle gefunden werden als im Frühjahr. Die Inzidenz steigt insgesamt, unabhängig von mehr oder weniger Testungen. Wir führen den neuerlichen Anstieg zurück auf gewisse Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung. Viele Aktivitäten, die im Sommer unproblematisch waren, haben sich in die Innenräume verlagert und dort sind sie halt problematisch. Deswegen ist jetzt noch viel wichtiger, auf die Hygiene- und Abstandsregeln zu achten. 

Die neue Coronaschutzverordnung klammert den privaten Bereich aus, gleichzeitig ist das Infektionsrisiko im privaten Bereich am höchsten. Muss man dann nicht auch in den privaten Bereich hinein, um die Infektionsketten zu durchbrechen? 

Im Augenblick schrecken alle davor zurück, in den privaten Bereich hineinzugehen. Die Unverletzlichkeit der Wohnung ist zu Recht ein hohes Grundrecht. Aber im privaten Bereich sind nach wie vor Feiern möglich und finden auch statt. Da gilt die dringende Empfehlung auch dort Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Das kann man natürlich überhaupt nicht kontrollieren. Wir sind darauf angewiesen, dass die Menschen diese Empfehlungen umsetzen. Ob es sinnvoll ist, mit staatlichen Ver- und Geboten über die Coronaschutzverordnung eine Veränderung herbeizuführen, weiß ich gar nicht. Für die Eindämmung des Infektionsgeschehens ist es aber wichtig, dass die Empfehlungen auch umgesetzt werden. Jeder hat es in seinem Bereich in der Hand, das Infektionsgeschehen zu steuern, in dem er sich selbst an die Hygiene- und Abstandsregelungen hält. 

Sind die hohen Inzidenz-Werte für Sie Anlass zur Sorge? 

Ja, weil der Trend relativ steil nach oben geht. Wir liegen am Montag bei 478 Index-Fällen mit einem starken Zuwachs über das Wochenende. Das macht uns natürlich Sorgen. Unsere Aufgabe ist es, die Kontaktpersonen zu ermitteln und dadurch die Infektionsketten zu durchbrechen. Das wird natürlich mit jedem Index-Fall immer mehr. Wir kommen da kaum noch nach. Derzeit ist es nicht möglich, alle Kontaktpersonen am gleichen oder am nächsten Tag zu erreichen. Das ist keine Besonderheit im Märkischen Kreis. Es betrifft im Augenblick alle Gesundheitsämter. Wir haben schon erheblich Personal aufgestockt und sind auch weiter dabei. 

Man muss derzeit von vielen unentdeckten Fällen ausgehen. Jetzt sind die Schulen wieder geöffnet. Wie beurteilen Sie die Lage an den Schulen? 

Die wieder eingeführte Maskenpflicht an den weiterführenden Schulen ist für uns als Gesundheitsbehörde ganz wichtig. Das war unser Wunsch und unsere Forderung. Das wird bei der Kontaktnachverfolgung in den Bereichen vielleicht für eine gewisse Entspannung sorgen, weil nicht mehr komplette Klassen in Quarantäne geschickt werden. Die Frage ist für uns nur, wie geht es in den Grundschulen weiter? Es wäre besser gewesen, wenn man auch dort in irgendeiner Form eine Maskenpflicht eingeführt hätte. Um das Infektionsgeschehen selbst in den Schulen mache ich mir weniger Sorgen, weil es bislang dort immer nur Einzelfälle gab und kaum eine Verbreitung des Virus zwischen den Schülerinnen und Schülern in den Schulen stattgefunden hat. Aber auch da muss man natürlich sagen: Wenn die Fallzahlen insgesamt steigen, wird es auch an den Schulen mehr Positivfälle geben. 

Es sollen in dieser Woche Abstrichzentren vorbereitet werden. Was ist das? Und werden daraufhin die Besuche der Gesundheitsdienste in den Einrichtungen eingeschränkt? 

Wir werden nach wie vor in vielen Bereichen Einzelpersonen und Einrichtungen aufsuchen müssen, zum Beispiel bei Heimaufnahmen. Aber ansonsten werden wir wieder mehr auf Testzentren setzen, weil wir das bisherige Vorgehen mit mobilen Teststationen, wo die Leute hingekommen sind und sich testen ließen, in den Wintermonaten nicht leisten können. Wenn wir draußen Minustemperaturen oder Schnee haben, dann können wir die Leute nicht in der Kälte stehen lassen, sondern müssen feste Stationen aufbauen. Aufgrund der Vielzahl der Fälle müssen die Betroffenen dann dort hinkommen oder sie lassen sich durch den Hausarzt testen. Die Hausärzte können von uns auch für Tests mit asymptomatischen Patienten beauftragt werden. Allerdings ist dies für die Ärzte keine verpflichtende Aufgabe. 

Wann werden die Abstrichzentren eingeführt? 

Wir hoffen, dass wir Anfang November umstellen können. Sie arbeiten mit Szenarien. 

Mit welchem Szenario schauen Sie auf die nächsten Wochen und wann ist eine Entspannung der Lage denkbar? 

In unserem Szenario rechnen wir mit weiter steigenden Fallzahlen und Kontaktpersonen und in der Folge mit notwendigen Personalverstärkungen intern und extern. 

Haben Sie die Bundeswehr angefragt? 

Mit der Bundeswehr sind wir in der Planung. Da wird sich sicherlich auch etwas ergeben können. Mit einer Entspannung rechne ich erst wieder, wenn es wärmer wird. Ich glaube, wir haben noch einen Winter und ein Frühjahr vor uns. Insofern müssen wir uns auf einige, vielleicht auch harte Monate einstellen. 

Was können die Menschen tun, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen? 

Es wäre schon viel geholfen, wenn man persönliche Kontakte reduziert, wo es geht. Es ist ja heute noch vieles erlaubt – was ja eigentlich auch gut ist – aber man sollte sich trotzdem die Frage stellen, ob man zu privaten Feiern geht oder – wenn man sie selbst ausrichtet – die Gäste davon zu überzeugen, dass sie trotzdem eine Maske tragen und Abstand wahren. Da kann sich jeder immer wieder selber hinterfragen. Wir benötigen eine gewisse Selbstdisziplin. Es ist nicht alles aus Infektionsschutzgründen sinnvoll, was zulässig ist. Diese Frage muss man sich stellen, und dann können wir vielleicht gut durch den Winter kommen. 

Es ist auffallend, dass die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Patienten in Relation zu den Fallzahlen deutlich niedriger ist als im Frühjahr. Ist das Virus schwächer geworden oder trifft es im Moment andere Personengruppen? 

Nach allem, was ich mitbekomme, trifft die Erkrankung im Augenblick eher die Jüngeren. Sie erkranken nicht so schwer und deshalb sind die Intensivstationen leerer als im Frühjahr. Aber wir erleben jetzt schon bundesweit wieder, dass die Intensivkapazitäten stärker genutzt werden, weil sich mit den steigenden Fallzahlen irgendwann auch wieder mehr ältere Menschen infizieren. Das ist eine der großen Befürchtungen der nächsten Wochen, dass wir die Älteren dann nicht mehr so gut schützen können wie im Moment. Daher ist mein Appell, nicht nur für sich selbst eine Entscheidung zu treffen, ob man an einem Ereignis teilnimmt, sondern immer auch an die anderen zu denken, die man durch eine Nichtteilnahme schützen kann.

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