Geschichtsverein gibt Buch heraus

Schicksale von Juden aus Lüdenscheid: 270 Namen gegen das Vergessen

Dillmann Juden Buch
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Das Buch ist ab sofort im Handel erhältlich.

„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“: Dieses Jubiläum wird in diesem Jahr gefeiert – und es ist Anlass, gerade auch an das dunkelste Kapitel dieser Geschichte zu erinnern. Der Journalist und Autor Hans-Ulrich Dillmann zeichnet in dem nun vom Geschichts- und Heimatverein (GHV) herausgegebenen Buch „Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid“ 270 Lebenswege von Menschen nach, die in Lüdenscheid geboren wurden oder hier gelebt haben und die Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten wurden. Ein Grußwort für dieses Buch stammt von Bürgermeister Sebastian Wagemeyer.

Lüdenscheid - Bei der Präsentation des Buches in einem kleinen Kreis geladener Gäste im Saal der Bücherei betonte die GHV-Vorsitzende Dr. Arnhild Scholten, dass es „in einer Zeit, in der es nach wie vor antisemitische Ressentiments gibt“, unverzichtbar sei, Aufklärungsarbeit zu leisten. Daran beteilige sich der Geschichts- und Heimatverein gerne, mit der Veröffentlichung dieses Buches, aber auch mit dem zweiten Projekt in diesem Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“: der digitalen Erschließung der Grabinschriften auf dem jüdischen Friedhof am Ramsberg, die derzeit in Zusammenarbeit mit dem Essener Steinheim-Institut erfolgt.

Der stellvertretende GHV-Vorsitzende Dr. Dietmar Simon ordnete Dillmanns Buch in den Kontext der lokalgeschichtlichen Forschung ein. Dabei verwies er unter anderem auf die langjährigen Forschungen von Matthias Wagner über die Verfolgung der Lüdenscheider Juden in der NS-Zeit. Die von Wagner gesammelten Daten und Quellen dienten auch Dillmann als erster Anhaltspunkt. Aber seine Forschungsergebnisse gehen nun viel weiter, nicht zuletzt weil er ganz andere Recherchemöglichkeiten hatte, die Wagner noch nicht zur Verfügung standen.

Inzwischen haben eine ganze Reihe von Archiven ihr Material für Recherchen freigegeben, und vieles davon ist auch online verfügbar. Dass ist ein wesentlicher Grund dafür, dass es Dillmann gelungen ist, so viel mehr Namen und Schicksale zu erforschen als bisher bekannt waren – immerhin weit mehr als doppelt so viele. Zwei Jahre lang hat er in mühevoller Kleinarbeit Archive und Datenbanken quasi im Schnellballverfahren durchforstet, Lebenswege nachgezeichnet und Einzelteile wie in komplizierten Puzzles zusammengefügt. Manche der 270 Biografien musste er mehrmals komplett umschreiben.

Der Lebensweg von der Geburt bis zum Tod

In seiner rund 14-seitigen Einführung beschreibt Dillmann sein Vorgehen und die Kriterien für die Auswahl der Personen. Denn im Detail enthält das Buch noch viel mehr Namen, aber der Fokus liegt auf den Lüdenscheidern, die Opfer des Holocausts wurden beziehungsweise die wegen der Verfolgungen ihr Leben in Deutschland aufgaben und flohen. Lediglich sieben der mit Lüdenscheid in Verbindung stehenden Menschen muss Dillmann bislang als „verschollen“ einstufen. Bei ihnen verliert sich irgendwann die Spur in den Archiven. Bei allen anderen kann er genaue Wege nachzeichnen, meist von der Geburt bis zum Tod. 131 überlebten den Holocaust nicht. Bei den anderen hat Dillmann auch die weiteren Lebenswege nach dem Krieg aufgeschrieben.

Bevor sich der Leser in die Biografien vertiefen kann, die in alphabetischer Reihenfolge angeordnet sind, befindet sich im Buch eine Liste aller vorgestellten Personen mit Geburtsdatum und -ort, sowie, wenn bekannt, Sterbedatum und -ort. Zu jeder Biografie hat er außerdem die Adressen angefügt, unter denen die betreffenden Personen in Lüdenscheid gelebt haben. Dabei hat Dillmann herausgefunden, dass auch Lüdenscheid ein sogenannten Ghettohaus für Juden gehabt haben muss. An der Sachsenstraße wohnte seinerzeit eine jüdische Familie, in deren Haus in den 1940er-Jahren einige weitere jüdische Bürger und Bürgerinnen einzogen, bevor sie schließlich deportiert wurden.

Videobotschaft zur Buchpräsentation

Manche Namen in dem Buch, wie die der Familien Noah oder Lennhoff, oder Fred Behrend sind bekannt. Aber es gibt auch viele Namen, die bislang nicht in der lokalen Forschung aufgetaucht sind. Dazu gehört zum Beispiel Regina Avraham, 1935 als Regina Artmann in Lüdenscheid geboren. Sie hat, ebenso wie der heute 94-jährige Fred Behrend, eine Videobotschaft zur Buchpräsentation geschickt, in der sie ihre Lebensgeschichte kurz umreißt.

Zeitzeugen wie diese beiden gibt es nicht mehr viele. Beide überlebten den Holocaust, weil ihre Familien rechtzeitig in die USA fliehen konnten. Fred Behrend, 1926 als Fritz Behrend ebenfalls in Lüdenscheid geboren, erinnert sich noch gut an seine Geburtsstadt und berichtet auch von seinem Besuch auf Einladung des damaligen Bürgermeisters Jürgen Dietrich zur Enthüllung der Gedenktafel für die Lüdenscheider Opfer des Holocausts. Es ist ihm wichtig, dass das Lüdenscheid, dass er 1990 erlebte, nichts mehr mit dem zu tun hatte, das er mit seinen Eltern 1939 verlassen hatte. Behrend hat selbst in Kooperation mit einem Autor seine Lebensgeschichte niedergeschrieben – ihm ist wichtig, davon zu erzählen: „Zurückschauend bete ich dafür, dass wir daraus etwas gelernt haben, dass sich dies nie nie wieder wiederholt“, sagt er.

Das Buch

Hans-Ulrich Dillmann, „Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid“

herausgegeben vom Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid

380 Seiten, Hardcover

19,80 Euro, erhältlich im Buchhandel

Auch wenn dies Buch nun abgeschlossen ist, seine Recherchen sind es für Dillmann nicht. Er hat eine ähnliche Arbeit wie die für Lüdenscheid für die Stadt Werdohl begonnen. In diesem Kontext hat Dillmann zum Beispiel herausgefunden, dass der frühere Lüdenscheider Oberstadtdirektor Hans Born eine jüdische Mutter hatte. Das könnte eine Erklärung sein, warum Lüdenscheid in den 1960er-Jahren so schnell die Anfragen aus der Gedenkstätte Yad Vashem zur jüdischen Bevölkerung in den 1930er-Jahren beantwortet hat.

Außerdem wird Dillmann weiterhin die Augen aufhalten, ob es noch Ergänzungen zu seinen Daten gibt. Er plant, die Ergebnisse seiner Recherchen an das Lüdenscheider Stadtarchiv zu übergeben.

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