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Geschichte der Lüdenscheider Einkaufszentren: Das Kohns-Haus

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Das Hotel Kaiserhof und das erste der beiden „Stern-Theater“ auf dem Areal des Hotels.

Lüdenscheid -  Es gibt ein Leben vor dem Stern-Center Lüdenscheid. Die Geschichte des Hauses Altenaer Straße 2, das dem Einkaufszentrum hatte weichen müssen, und seiner Vorgänger erzählt unsere heutige Geschichte der Lüdenscheider Einkaufszentren.

Seit 2008 gehört die Postanschrift Altenaer Straße 2 zu jenen Adressen, die dem Stern-Center zugehörig sind. Darauf, dass eben jene Anschrift (heute zwischen dem Stern-Center-Eingang Altenaer Straße und dem Zugang zur Center-Tiefgarage zu verorten) einst gleich mehreren geschichtsträchtigen Immobilien der Bergstadt zuzuordnen war, findet der Center-Besucher heute keinen Hinweis mehr.

Und dabei gibt es viel zu erzählen über die Gebäude, die dort einmal standen, über jene prominenten Persönlichkeiten, die hier während 130 Jahren wohnten, wirkten oder zu Gast waren.

Heimat des Luftschiff-Pioniers Carl Berg

In eine prächtige Villa, die 1878 auf dem Areal entstanden war, zogen die Eltern des Industrie- und Luftschifffahrt-Pioniers Carl Berg (1851-1906) ein. Berg, der 1897 von Kaiser Wilhelm II. zum Kommerzienrat ernannt worden war, und seine Familie bewohnten nach dem Tod seiner Eltern das Haus Altenaer Straße 2 ab dem Jahr 1900.

Am 6. und 7. Oktober desselben Jahres fanden im Saal des Hotel zur Post (1988 abgerissen und durch das Haus Rathausplatz 19 ersetzt) erstmals in Lüdenscheid Kinematografie-Vorführungen statt. Projektionen von bewegten Bildern „weltgeschichtlicher Ereignisse“, die damalig noch als Jahrmarktkuriositäten abgetan wurden, sollten alsbald schon zum Kinofilm entwachsen.

Und der Saal im Hotel zur Post, der ab 1907 dann regelmäßig mit Filmprojektionen bespielt wurde, bekam den Namen „Zentral-Theater“.

Nach dem Tode Carl Bergs zog dessen Witwe mit den Kindern in ein neues Wohnhaus an der Hohfuhrstraße 42, die alte Villa wurde verpachtet. Der Pächter machte aus der Immobilie einen Restaurantbetrieb und ließ den hinteren Trakt des Hauses um einen Hotelbereich mit 18 Zimmern erweitern. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten musste der Betrieb jedoch schnell wieder schließen.

Kaiserhof-Gründer: Philipp und Ursula Kohns.

Neue Partner der Familie Berg wurden Philipp und Ursula Kohns, ein Ehepaar aus Kettig bei Neuwied. Im April 1908 eröffneten die Kohns’ ihr Hotel Kaiserhof – und der Betrieb lief so gut, dass das Gastronomie- und Veranstaltungsprogramm des Hauses stetig weiter ausgebaut werden konnte. 1910 kaufte die Familie Kohns den Bergs die Immobile und ein zugehöriges Kutschenhäuschen (Wilhelmstraße 17) ab.

1907 hatte in Räumen des Hauses Altenaer Straße 3a (heute Restaurant Capello d’Oro) ein Lichtspielhaus mit 130 Plätzen eröffnet, das ebenfalls den Namen „Zentral-Theater“ trug. 1909 war es von Franz Bruckmann übernommen worden. Das „Zentral-Theater“ zog 1910 in die Räume des Hauses Altenaer Straße 2a (ein Anbau neben dem Gasthaus Panne, auf dem Grundstück des vorherigen Vorgartens des Kaiserhofs) ein.

Kurt Weill und Charlie Chaplin

Der Nachbar Bruckmann überzeugte Philipp Kohns davon, dass das Kino das Geschäft der Zukunft sein könnte. Gemeinsam entwarfen sie einen Kino-Neubau, der auf dem bisherigen Areal des Gartenlokals des Kaiserhofs gebaut wurde. Die Kosten von 120 000 Goldmark teilten sich Kohns und Bruckmann. Im Dezember 1912 eröffnete das „Central-Theater“. Es hatte 495 Plätze und war technisch auf der Höhe der Zeit ausgestattet.

Im Dezember 1912 eröffnete das „Central-Theater“.

1919 verließ Franz Bruckmann Lüdenscheid, baute Großkinos in Düsseldorf, Berlin und anderen deutschen Großstätten. Das „Central“ untervermietete er an den Siegerländer Peter Weller, einem Industriefotografen.

Im Dezember 1919 kam der Komponist Kurt Weill („Dreigroschenoper“) als neuer Kapellmeister des Stadttheaters nach Lüdenscheid. Sein erster dauerhafter Wohnsitz in der Bergstadt war der Kaiserhof. Zu Weltruhm sollte Weill erst später gelangen.

Das, was dann im Herbst 1925 passierte, stellte damals alles in den Schatten und klingt auch heute noch mehr als unglaublich: Charlie Chaplin, der damals größte Filmstar der Welt, kam persönlich ins „Central“. Von Chaplins Auftritt berichtete jedenfalls der Lüdenscheider General-Anzeiger, der Vorläufer der LN, am 4. September 1925. „Es ist kein Witz, es ist die Wahrheit!“, so schrieb der Redakteur, der in dem Artikel von einem stürmisch umjubelten Auftritt berichtete.

Wenig euphorisch und wirtschaftlich angeschlagen kehrte Franz Bruckmann 1929 nach Lüdenscheid zurück und übernahm wieder das „Central“. Mit dem Architekten Hans Huth plante er den Neubau des „Apollo-Theaters“. Dieser wurde 1939 an der Börsenstraße fertiggestellt (Abriss 1971).

Das Hotel Kaiserhof

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmten die Besatzungsmächte den Kaiserhof und das „Central-Theater“. Als Transit-Hotel und „Cinema Antelope“ waren die Häuser nun den belgischen Garnisonen vorbehalten.

Karl-Heinz, der jüngste Sohn der Familie Kohns, ein gelernter Filmkaufmann, renovierte den alten Standort des „Zentral-Theaters“ an der Altenaer Straße 2a. In den Jahren zuvor waren dort Geschäfte wie Klara Kleinertz’ Lüdenscheider Obst-Centrale oder das Radiohaus von Wilhelm Lehder beheimatet gewesen. Kohns eröffnete das Haus als Kino am 26. Mai 1950 unter dem Namen „Stern-Theater“ neu. Im selben Jahr gaben die Belgier das „Cinema Antelope“ wieder frei, beschlagnahmten nun Bruckmanns „Apollo“, bis sie 1956 mit dem „Parktheater“ ihr eigenes Kino mitsamt Offizierscasino erhielten.

Das Ende des Kaiserhof

1959 zog Kohns mit dem „Stern“ in die Räume des „Central“ hinter dem Kaiserhof ein. Das Hotel bekam die Familie Kohns dann am 28. Januar 1960 zurück. Karl-Heinz Kohns sah wirtschaftlich keinen Sinn mehr darin, den Kaiserhof wieder als Hotel zu betreiben. Deshalb hatte er den Architekten Hans Meissner damit beauftragt, ein Büro- und Geschäftshaus zu entwerfen, das an Stelle des Kaiserhofs gebaut werden sollte.

Im April 1960 kamen die Bagger, um das Hotel abzureißen, das „Stern-Theater“ wurde jedoch verschont. Direkt nach dem Abriss des vorderen Gebäudes mit der Adresse Altenaer Straße 2 wurde der Neubau hochgezogen.

Das Kohns-Haus (links) an der Altenaer Straße.

Am 23. November 1961 öffnete das sogenannte Kohns-Haus. Es war das erste Geschäftshaus in Lüdenscheid, das gänzlich in privater Hand war. Zu den Mietern der ersten Stunde gehörten ein Supermarkt der Schürmann-Gruppe (später auch unter den Namen Billa oder Wiso), Elektro Beverungen, das Restaurant Alexander, Büros des Finanzamtes sowie das Autobahnneubauamt. Ein Durchgang in der Mitte des Hauses ermöglichte den Zugang zum „Stern-Theater“.

Als 1970 das Grundstück Panne für den Bau des City-Hochhauses geräumt wurde, fiel auch das Haus Altenaer Straße 2a. Das „Stern-Theater“ wurde von Karl-Heinz und Helvi Kohns Anfang 1975 an die Firmengruppe Grothe verkauft, die das Grundstück benötigte, um das City-Center-Lüdenscheid-Projekt (CCL) zu realisieren. Das „Stern-Theater“ schloss am 25. März 1975 mit dem Film „Vier Fäuste schlagen wieder zu“. Das City-Hochhaus und das fertige CCL umschlossen ab 1976 das Kohns-Haus.

Forum: Das Geisterhaus in der Mitte der Stadt

Der Kauf und der Abriss des Kinos durch die CCL-Erbauer verfolgten auch noch einen weiteren Zweck. Denn bereits während der ersten Planungsvorstellungen für das CCL hatten Architekt Horst W. Reckewell und Finanzier Hans Grothe gegenüber den Ratsmitgliedern der Stadt Lüdenscheid bekannt gemacht, dass auch ein Kino im Center geplant sei. Noch während des Baus des Centers durchkreuzte Karl-Heinz Kohns das Vorhaben. Direkt nach dem Abriss des alten Kinos wurde im Geschäftshaus umgebaut – der Leerstand, den kurz zuvor das Restaurant Alexander hinterlassen hatte, zu einem Kino umgerüstet und an den Iserlohner Clemens Knode verpachtet.

Der „Neue Stern“ hatte 130 Plätze und war in der 1. Etage des Hauses untergebracht. Eröffnet wurde das Kino am 31. Oktober 1975 mit dem Film „Bis zur bitteren Neige“. Ende der 1970er-Jahre folgte auf Clemens Knode Helga Hoffmann als Pächterin des Kinos. Im Juni 1983 übergab sie den „Neuen Stern“ an Hans-Joachim Lubba.

Bahn frei für den Stern-Center-Bau

Aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit verlängerte Lubba den Pachtvertrag im Herbst 1985 nicht mehr. Mit dem Film „Drei gegen Drei“ endete die Geschichte des „Stern-Theaters“ am 31. Oktober 1985 endgültig. Mittlerweile war das Haus in den Besitz des Immobilien-Maklers Horst Hellerforth übergegangen, der dort auch seinen Firmensitz hatte. Weitere bekannte Mieter waren über die Jahre Sport Zeppelin, der Stern-Grill, Blumen Holländer oder der dm-Drogeriemarkt.

Wellenbad: Rote Zahlen und tote Badegäste

Durch die Aufgabe des Lüdenscheider Warenhauses der Kaufhof AG (Altenaer Straße 4) Anfang 2007 wurde der Weg für eine Erweiterung des Stern-Centers (1991 bis 1993 auf dem ehemaligen Areal des CCL gebaut) freigemacht. Das Haus Altenaer Straße 2 wurde verkauft und im Mai 2007 abgerissen. Dabei verschwanden auch zwei Bronze-Tafeln mit Inschriften, die auf Kurt Weill und Carl Berg verwiesen. Zwar waren sie im Rathaus abgegeben worden, aber danach nicht mehr auffindbar gewesen.

Am 22. Mai 2008 wurde die Erweiterung des Shoppingcenters eröffnet. An das, was vorher dort einmal stand, erinnert nichts mehr.

Von Fabian Paffendorf

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