Eigentümer auf Tauchstation

Forum: Das Geisterhaus in der Mitte der Stadt

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Gruselig: das Forum am Sternplatz heute.

Lüdenscheid -  Das Knödler-Zentrum erlebte seine Wiederauferstehung als Forum am Sternplatz. Aber der erneute Niedergang hinterlässt eine bis heute bestehende Bauruine.  Ein Rückblick:

Nachdem der Kaufmann Erich Wächter das verfallene Knödler-Zentrum im Sommer 1988 ersteigert hat, werden neue Konzepte erarbeitet, bauliche Veränderungen des Hauses erdacht und darüber gebrütet, wie man das Center mit Leben füllen kann. Dafür engagiert Wächter das Lüdenscheider Architektenteam Hans-Jürgen Altenheiner und Rüdiger Wilde. Auch sonst setzt der Berliner auf lokale Kompetenz. So ist für Marketing- und PR-Fragen zum Beispiel der Lüdenscheider Franz Güllekes mit seiner Agentur im Boot.

Mit Wächter zieht zunächst Hoffnung ein

1989 passiert noch nichts mit dem Knödler-Zentrum, aber im Frühsommer 1990 geht’s los: Die kaputte äußere Treppe des Freizeitzentrums wird abgerissen und es bekommt einen neuen, gläsernen Eingang in Richtung Sternplatz. Der bauliche Schandfleck der Passage bekommt ein völlig neues Gesicht – ganz den architektonischen Center-Trends der 90er-Jahre unterworfen. Acht Millionen D-Mark investiert Wächter in die Sanierung. Viel Glas und helle, freundliche Einkaufsflure bestimmen die Optik des Hauses, das die Lüdenscheider jetzt „Wächter-Zentrum“ getauft haben.

Die Wörter „Center“ oder „Zentrum“ sind in der Bergstadt negativ vorbelastet, wie Franz Güllekes befindet. Und deshalb wird die Immobilie umbenannt. „Forum am Sternplatz“ wird sie ab sofort heißen. Und das Forum ist keinesfalls mehr überwiegend auf Freizeit- und Gastronomie ausgerichtet, was den Branchen-Mix angeht. Vielmehr ist es ein Shopping-Center reinsten Wassers. Nur eben, dass in der Mitte das Wellenbad residiert.

Schließung des CCL ist ausgesprochen hilfreich

Zur inoffiziellen Eröffnung des neuen Centers spielt die Schließung des City-Centers Lüdenscheid (CCL) Erich Wächter in die Hände. Eine Vielzahl ehemaliger Einzelhändler aus dem CCL zieht ins Forum am Sternplatz. Und mit Bernd Bartkowiak (Spielzeug-Paradies) und Jürgen Westerink (Mode und Sport Zeppelin) eröffnen gleich zwei ehemalige Geschäftsführer der beiden Richter-Filialen im CCL hier eigene neue Läden. Ab Herbst 1990 wird das Forum am Sternplatz Lüdenscheids neue Top-Adresse zum Einkaufen. Und dabei ist gerade einmal der erste Teilabschnitt saniert worden. Die Stadtwerke kaufen im selben Jahr das Parkhaus an der Weststraße für 3,5 Millionen D-Mark.

Die heile Shoppingcenter-Welt bekommt allerdings 1992 erste Risse. Das Möbelhaus Franz ist in finanziellen Schwierigkeiten und verkauft sein (ins Center integrierte) Gebäude an den Modekonzern Peek & Cloppenburg. Der saniert und zieht mit einer Filiale ein. Mit der Eröffnung des Stern-Centers im Jahre 1993 ziehen einige Forum-Mieter um – ins neue Shoppingcenter. Es ist der Beginn einer über mehrere Jahre anhaltenden Abwärtsspirale.

Peek & Cloppenburg sagt 2004 „Tschüss“

In den frühen 2000ern verlassen immer mehr Mieter das Forum am Sternplatz. Erich Wächter verkauft das Center. Die Firma Peek & Cloppenburg hat mittlerweile ihr Haus an den Immobilienzweig der Commerzbank verkauft und sich eingemietet. 2004 gibt der Konzern sein Lüdenscheider Haus auf. Ein weiterer großer Leerstand in der Innenstadt ist die Folge.

2005 beschließen die Stadtwerke, dass das Wellenbad aufgegeben und verkauft werden soll. Kaufinteressent ist der angebliche US-Großinvestor Drew Wanigatunga, der das Bad zu einer Großraumdiskothek umbauen will. Der Kauf scheint perfekt, da taucht Wanigatunga plötzlich ab – und wird nicht mehr gesehen. Das Wellenbad schließt am 30. Juni 2006.

Forum: Es geht voran mit dem Zerfall

Weil kein Käufer in Sicht ist, bauen die Stadtwerke das ehemalige Freizeitbad für eine Millionen Euro zu einem Kinder-Indoor-Spielplatz um und vermieten 2007 die Räume an die Firma TL Management. Als Spielparadies „Tollywood“ wird es neu eröffnet.

Im selben Jahr geht der irische Großinvestor und Fleischfabrikant Samuel Bertram „Bert“ Allen auf große Einkaufstour durch Nordrhein-Westfalen. Er kauft mehr als 40 Immobilien in verschiedenen Städten, darunter auch die ehemaligen Standorte der untergegangenen Landesbank West LB, die Professor Harald Deilmann ehemals entwarf.

Allens Auftritt in Lüdenscheid kommt zur rechten Zeit, denn mit seiner finanziellen Unterstützung kann das Lüdenscheider Rathaus saniert werden. Bereits in den frühen 60er-Jahren war angedacht gewesen, Gastronomie und Ladenlokale ins Rathaus zu integrieren.

Bert Allen als der große Freund und Helfer

Auch die Bebauung des Gänsegärtchens mit einem Geschäfts- und Bürohaus, die Ernst Breddermann in den 70er-Jahren platzen ließ, kann mit Bert Allens Engagement nun – knapp vier Jahrzehnte später – realisiert werden.

Das Parkhaus Stadtmitte gehört heute dem Iren Bert Allen.

Der von Kurt Knödler gebauten Kaufhalle am Sternplatz geht’s auch an den Kragen. Allen reißt ab und baut ein Ärzte- und Geschäftshaus an selber Stelle. Die alte Kaufhalle fällt, da wird ein fataler Deal eingestielt: Die Stadtwerke verkaufen das Parkhaus Stadtmitte und das ehemalige Wellenbad jeweils für eine Million Euro an Allen. Ein weiterer prominenter Dauerleerstand im Forum wird wiederbelebt: Der Modemarkt TK Maxx zieht in den Peek & Cloppenburg-Leerstand ein.

Im Jahr 2009 ist die Indoor-Spielplatz-Betreiberin TL Management insolvent, „Tollywood“ wird von dem Unternehmer Thomas Gnatowski unter dem Namen „Tommywood“ weitergeführt.

Allen will keine spielenden Kinder mehr

Der heruntergekommene Centerbereich des Forums am Sternplatz ist zwischenzeitlich munter weiterverkauft worden. Der Fonds, dem die Immobilie gehört, wird 2009 von der Jaragon VV GmbH Berlin vertreten. 2011 gehört die Passage dann der Helvetica Services Berlin. Alle Versprechen der Neueigentümerin, die Passage wieder auf Kurs bringen zu wollen, bleiben unerfüllt in den nächsten Jahren. 2013 setzt Bert Allen seinen Mieter Thomas Gnatowski vor die Tür. Der Indoor-Spielplatz steht seither leer.

Wie schlimm es um die Passage steht, ist auch in Videos auf der Internetplattform Youtube zu sehen. Aufnahmen von Überwachungskameras, die im Netz gelandet sind, zeigen mutmaßliche Drogendealer beim Verkauf. Und sie zeigen Heroinabhängige, die sich einen Schuss setzen.

Schon lange lockt das Haus keine Käufer mehr an.

Ende 2015 wird die Passage zwangsversteigert. Der Frankfurter Goldhändler Mezori Hussein Saleh Younis ersteigert den abgewrackten Bau für 330 000 Euro. Der Neueigentümer hat große Pläne, gründet die Y-Forum GmbH als betreibende Gesellschaft des Centers.

Younis will sanieren, aber zuerst investiert er in einen provisorischen Innenausbau, damit die Brandschutzauflagen erfüllt werden. Und dann? Dann war es das auch schon.

Mit einer Mieterhöhung vergrault der Eigentümer schließlich seine letzten beiden verbliebenen Mieter. Anfang 2018 ziehen die Diskothek Jonny Mauser sowie der Schuster Fietz aus. Laut Younis behinderten die vielschichtigen Eigentumsverhältnisse des Gebäudekomplexes eine Sanierung oder einen Abriss.

Das Forum ist heute ein marodes Geisterhaus, Mezori Hussein Saleh Younis und Bert Allen auf Tauchstation. Der einzige Weg, um die Ruine zu beseitigen, wäre der Erwerb aller einzelnen Gebäudeteile durch einen einzelnen Käufer. 
von Fabian Paffendorf

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