Gerhard Schmier geht in Ruhestand

Nach 21 Jahren an der Spitze: Der MVG-Boss macht Feierabend

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MVG-Geschäftsführer Gerhard Schmier geht Ende des Jahres nach 21 Jahren an der Sapitze des ÖPNV-Unternehmens in den Ruhestand.

Lüdenscheid - Heute wird MVG-Geschäftsführer Gerhard Schmier offiziell und in allen Ehren in den Ruhestand verabschiedet.

Als er sich anschickte, am 1. Januar 1998 Chef der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG) zu werden, riet ihm ein Kollege: „Wenn du dahin gehst, solltest du alles so lassen wie es ist! Wenn du was veränderst, kannst du nur Fehler machen.“ Gerhard Schmier hat eine Menge verändert. 

„Ich habe einen sehr gut aufgestellten Betrieb vorgefunden“, sagt er. „Aber wir mussten uns anpassen, sonst wären wir irgendwann vom Markt verschwunden.“ Heute wird der MVG-Geschäftsführer (63) offiziell in den Ruhestand verabschiedet. 

Anforderungen verändern sich rasant

Die Anforderungen an ein Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs haben sich in den zurückliegenden 21 Jahren seiner Tätigkeit in der Lüdenscheider Kommandozentrale der MVG rasant gewandelt. 

Gerhard Schmier, geboren in Laubach im Landkreis Gießen und aufgewachsen in Berlin, hat sich zu einem echten Experten entwickelt – was für sein Talent steht, Herausforderungen zu erkennen und zielstrebig in Strategie umzusetzen. Denn seine Profession hatte zunächst gar nichts mit ÖPNV zu tun. 

Schmier studierte in Berlin Wirtschaftsingenieur-Wesen mit der Fachrichtung Chemie und landete danach zunächst bei Merck in Darmstadt, einem Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie mit weltweit mehr als 50.000 Beschäftigten – und reichlich Karrierechancen für einen ambitionierten Diplom-Ingenieur. 

„Gedanklich habe ich mich schon in Japan oder in den USA gesehen“, erinnert er sich. Aber die damalige Lebensgefährtin wollte nicht mitziehen.

Chemie und Schiene

Stattdessen kam der begeisterte Skifahrer und Motorradfreund in Kontakt zu Headhuntern, die dringend eine Stelle in Gelsenkirchen zu besetzen hatten. Der erste Berührungspunkt zur Welt des Verkehrs: 

Gerhard Schmier wechselte in die Zentrale des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR), wurde dessen kaufmännischer Prokurist und war für die Ausschreibung des Schienen-Personennahverkehrs von Dortmund über Hagen nach Lüdenscheid verantwortlich. 

Der nächste Schritt seiner beruflichen Laufbahn führte ihn zur ehemaligen Mark Sauerland, die Anfang ‘98 schon MVG hieß. Mehr als 500 Mitarbeiter unterstanden ihm, 230 Busse waren unter seiner Leitung auf den Straßen des Kreises unterwegs. 

Doch er musste das Unternehmen gesundschrumpfen, sich dem Diktat des Kostendrucks beugen, modernisieren, neue Strukturen schaffen, verschärfte Umweltstandards erfüllen. Heute gibt es 400 MVGler, die den Betrieb von knapp 140 Omnibussen sicherstellen. 

Die Quote der Privatunternehmer, die im Auftrag der MVG Fahrgäste befördern, liegt bei 50 Prozent – „was auch eine attraktive Mittelstandsförderung darstellt“, wie Schmiers Pressesprecher Jochen Sulies erklärt.

Innovationen

Die Handschrift des Chefs wird durch mutige Investitionen deutlich. 11,5 Millionen Euro steckte Schmier in den Bau des neuen Betriebshofes an der Dammstraße, „jedes Jahr geben wir 2,5 bis 3 Millionen Euro netto für neue Fahrzeuge aus“. 

Die ersten Rußpartikelfilter in einem öffentlichen Nahverkehrsunternehmen landesweit wurden nach den Worten Schmiers bei der MVG eingesetzt. Dass die Befolgung der aktuellsten Abgasnormen und ein stetig sinkender Kraftstoffverbrauch der Busse im Fokus bleiben, das ist für den Chef des Unternehmens fast ein Glaubensbekenntnis. „Jeder Liter, der nicht verbraucht wird, kann kein Abgas ausstoßen.“ 

Nicht nur für die Fahrer, die längst nicht mehr Schaffner genannt werden, hat sich eine Menge getan in Schmiers Amtszeit. Die Passagiere kamen nach und nach in den Genuss von größeren Sondernutzungsflächen für Kinderwagen oder Fahrrad, von speziellen Rollatoren-Halterungen, neuen Klimaanlagen oder Kameras zur Verhinderung von Vandalismusschäden oder Unfällen beim Ein- und Aussteigen. 

Das sogenannte Fahrgastinformationssystem an Bord gibt Antworten auf Fragen wie „Wo sind wir gerade?“ oder „Wie lange noch bis zur nächsten Haltestelle?“ Das System der Totwinkel-Assistenten schützt Fußgänger. So weit die wichtigsten Innovationen. All das betrachtet Gerhard Schmier mit der ihm eigenen Nüchternheit des Pragmatikers.

Neuer Blickwinkel

Auch sein Blick in die Zukunft gerät eher unprätentiös. Seinem Nachfolger rät er – anders als der Kollege vor 21 Jahren – „alles, was ich gemacht habe, in Frage zu stellen“. 

Das Geschäft verändere sich weiter. „Es ist gut, wenn jemand von außen kommt, mit einem ganz anderen Blickwinkel“. 

Und sonst so? Wandern will er, abnehmen auch, und „endlich vernünftig Spanisch lernen“. Und natürlich mehr Zeit für Familie und Freunde haben. Und seinen vollgekritzelten Jahresplaner zu Hause aus seinem Arbeitszimmer verbannen. 

Auf ein Hobby wird er zunächst verzichten müssen. „Ich habe mein ganzes Leben lang Cabrios gehabt.“ Dauerhafter wird der Verzicht auf etwas anderes sein: Busfahren – am Steuer. 

Eine seiner ersten Amtshandlungen 1998 waren Fahrschule und Prüfung – auf dem guten alten MAN.

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