Michael Lohr: Der Mann der ersten Stunde geht

Michael Lohr geht Ende des Monats in den Ruhestand.

Lüdenscheid - Wem bietet sich in seiner beruflichen Laufbahn schon die Möglichkeit, eine eigene Schule zu gründen, sie gestalterisch und inhaltlich mit Ideen zu füllen und knapp 27 Jahre ihre Entwicklung in führende Position zu prägen? Michael Lohr kann das von sich sagen und blickt auf ereignisreiche und spannende Jahre an der Spitze der Adolf-Reichwein-Gesamtschule zurück.

Am 31. Januar wird der 63-Jährige in den Ruhestand verabschiedet.

„Da hängt natürlich viel Herzblut von mir dran, und der Abnabelungsprozess wird daher nicht ganz einfach sein“, sagt der gebürtige Arnsberger.

Dort machte er Abitur, verpflichtete sich als Zeitsoldat, brachte es zum Reserveoffizier, studierte dann Mathematik und Physik an der Ruhr-Universität in Bochum und an der Gesamthochschule Dortmund. Das Lehrerseminar belegte er in Lüdenscheid, wo er auch seine Frau Karin kennenlernte. Zunächst arbeitete der junge Lehrer an der Albert-Schweitzer-Hauptschule, bevor er nach den Sommerferien 1987 stellvertretender Schul- und Organisationsleiter der neuen Gesamtschule wurde und gemeinsam mit Harald Kredler die Geschicke der damals umstrittenen Schulform in die Wege leitete: „Wir haben vorher Kolleginnen und Kollegen aus allen Ecken geworben, Schulbuchverlage bestellt und Bücher ausgesucht. Das war sehr viel Arbeit im Vorfeld. Aber man sagte mir, ich solle das genießen, eine Schule könne man doch nur einmal gründen.“

Ideologische Vorbehalte, die damals die politische Diskussion um die Einführung der Gesamtschule begleiteten, fochten ihn nicht an. „Wir wollten und haben durch unsere Arbeit überzeugt“, sagt Michael Lohr heute. Als er gemeinsam mit Harald Kredler das Konzept vorstellen wollte, bekam er bei der CDU zunächst keinen Termin. Der Start war eigentlich vierzügig geplant, aber das Interesse war so groß, dass sechs Züge draus wurden. Mit gut 100 Schülern begann alles in einem „Zwergenreich“, heute sind es gut 1200 und rund 100 Lehrer. „Das ist schon vergleichbar mit einem mittelständischen Unternehmen“, sagt Michael Lohr, und zwar ein mehrfach zertifiziertes, in dem die gymnasiale Oberstufe inzwischen Normalität ist.

„Die Ressentiments waren bald völlig verschwunden. Im Schulausschuss gab es die gar nicht. Um die Unterstützung durch das Schulamt beneideten uns viele andere Gesamtschulen. Wir haben von Dr. Schröder oder Reinhard Merkschien nie ein Nein gehört.“ Die Arbeitsbelastung stieg Jahr für Jahr durch neue Anforderungen. Gleichzeitig bestach die Reichwein-Gesamtschule durch erfolgreiche Projekte zur Integration, als berufswahlorientierte Schule, durch die Vermittlung zusätzlicher Sprachkompetenz oder die Einführung von Streitschlichtern. „Der respektvolle Umgang miteinander ist eines unserer wesentlichen pädagogischen Ziele und, ich glaube, das haben wir erreicht. Wenn sich ehemalige Schüler bei Treffen erinnern, dann sprechen sie häufig von Sozialkompetenz. Das ist doch ein gutes Zeichen.“

Michael Lohr freut sich, nun bald mehr Zeit zu haben – für seine Frau, fürs Lesen, Fotografieren, Reisen, Heimwerken und darauf, endlich mal außerhalb der Ferien Urlaub zu machen.

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