Gerechtigkeit der Wirtschaft

+
Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio fesselte die Gäste beim Verbandstag mit einer kurzweiligen Rede. ▪

HAGEN/ISERLOHN ▪ Am Freitagmorgen hatte er noch in Süddeutschland bei den Tarifverhandlungen der Metallindustrie gesessen. Am späten Nachmittag eröffnete Horst-Werner Maier-Hunke den 6. Verbandstag des Märkischen Arbeitgeberverbandes (MAV) in Hagen.

Von Hildegard Goor-Schotten

Aus erster Hand konnte der MAV-Vorsitzende den rund 300 Gästen aus Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben in der festlich geschmückten Stadthalle den aktuellen Stand berichten. 2,3 Prozent hätten die Arbeitgeber angeboten, die Forderung der IG-Metall von 5,5 Prozent beinhalte eine „Robin-Hood-Komponente“.

Was ist gerecht? 2,3 Prozent mehr Lohn oder 5,5 Prozent? Mit der Frage nach der Tarifgerechtigkeit griff der Festredner des Abends die Begrüßung von Maier-Hunke direkt auf – eine Antwort wisse er allerdings auch nicht, räumte Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio ein. Dafür entwickelte er in einem geschliffenen Diskurs seine Gedanken zum Thema „Die Gerechtigkeit der Wirtschaft“. Mit dem Professor für Öffentliches Recht an der Universität Bonn und ehemaligen Richter des Bundesverfassungsgerichtes hatte der MAV sich einen Gast eingeladen, der seine Zuhörer auf höchstem Niveau und dennoch kurzweilig zu fesseln wusste.

Unter den unterschiedlichsten Aspekten beleuchtete er den Begriff der „Gerechtigkeit“, der nicht allein im juristischen, sondern im gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen sei. Das Grundgesetz gehe vom Individuum aus: Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Das sei Grundlage jeder Gerechtigkeitssituation. Bildungs- und Chancengerechtigkeit hängen für den Staatsrechtler, der als Kind italienischer Arbeiter im Ruhrgebiet über den zweiten Bildungsweg in seine Karriere startete, da eng zusammen: Bildung sei extrem wichtig, damit jeder selber seinen Weg finden könne.

Im kollektiven Arbeitsrecht käme die soziale Marktwirtschaft zum Tragen. Die Tarifgemeinschaft sei eine große Leistung in Deutschland – Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften trügen eine großen Anteil daran, dass Deutschland so gut dastehe. Die staatliche Verordnung von Mindestlöhnen sei in diesem Zusammenwirken nicht systemgerecht.

Di Fabio warnte davor, den Wert der Institutionen zugunsten der Einzelgerechtigkeit zu vernachlässigen. Das zunehmende Reden über Einzelschicksale sei wichtig. Aber je mehr Einzelinterventionen gegen Einzelungerechtigkeiten es gebe, desto weniger bleibe von der institutionellen Gerechtigkeit – was am Ende mehr Menschen schaden könne.

Wirtschaft habe etwas mit Güterverteilung zu tun. Es gebe kein positives Beispiel dafür, dass ein Staat Güter verteilt. Das Gewinnstreben sei der Motor, so Di Fabio, allerdings gefährdeten übersteigerte und falsche Renditeerwartungen die Marktwirtschaft.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare