Geplatzte Träume vom Leben im Kunststoff

LÜDENSCHEID ▪ 40 Jahre ist es her: Der Sommer 1971 war für die Lüdenscheider ein Sommer voller Ereignisse und Erlebnisse. Die Sauerlandlinie war fast fertig, das Nattenberg-Stadion im Bau, das Apollo-Theater stand kurz vor dem Abriss – und das „Plastik-Fieber“ brach aus. Anfang August eröffnete Innenminister Willi Weyer auf der Höh die Internationale Kunststoffhaus-Ausstellung „ika’71“.

Die Initiatoren der Sauerländischen Baugesellschaft SABAG um den Werdohler CDU-Bundestagsabgeordneten Hans Werner Schmöle hatten – neben ihrem wirtschaftlichen Erfolg – ein klares Ziel: Die „ika’71“ sollte zeigen, dass Kunststoff durchaus eine Menge anderer Baumaterialien ersetzen kann.

Das Konzept begeisterte. Der jetzige Lüdenscheider Brauherr Jörg Mehl übernahm mit seiner Werbeagentur Mehl und Riedel in Düsseldorf das Marketing. Das 70 000 Quadratmeter große Gelände über der Stadt war hervorragend geeignet. Allerlei Prominenz meldete sich an, um dem Ereignis den angemessenen Glanz zu verleihen. In drei Monaten, so die Hoffnung der SABAG, würde die Ausstellung rund 300 000 Menschen nach Lüdenscheid locken. Wo die alle schlafen sollten, war allerdings nicht klar. Es gab 140 Hotelbetten in der Stadt, im Rathaus wurde eilig ein überörtliches Verzeichnis mit Beherbergungsbetrieben erstellt.

Neben futuristischen Häusern mit Namen wie „Rondo“, „Futuro“ oder „Orion“, auf Stelzen oder im Teich schwimmend, bildete die gigantische Traglufthalle auf dem Gelände das Herzstück der „ika’71“. 4000 Menschen fanden in der Halle Platz und bejubelten Live-Konzerte, wie zum Beispiel von Dunja Rajter, damals kurz vor der Hochzeit mit dem Bandleader Les Humphries. Dunja hatte aber zunächst einen Job in der Schützenhalle.

Dort fand die Eröffnungsgala mit dreistündigem Bühnenprogramm für 1000 geladene Gäste statt. Mit dabei auch die israelische Schlager-Schönheit Daliah Lavi und die Schönheitskönigin Petra Schürmann, die charmant durch den Abend führte.

Bis 1976 sollte die „ika’71“ dauern. Doch 1974 titelte Hasso Ziegler von der Süddeutschen Zeitung: „Das Wohnen der Zukunft ist schon Vergangenheit.“ Der Artikel dazu ist die bittere Abrechnung mit einem geplatzten Traum. Die erhofften Zuschauermassen blieben aus. Die Refinanzierung scheiterte. „Rondo“, „Futuro“ und „Orion“ waren verrottet und wurden zwangsversteigert. Der Traglufthalle blieb die Luft weg. Hasso Ziegler schrieb über „organisatorische Mängel, die auch durch den oft penetrant jahrmarktähnlichen Rummel (...) nicht verdeckt werden konnten“.

Heute ist – im wahren Wortsinn – Gras über die Sache gewachsen. Die Höh ist wieder das, was sie vor der „ika’71“ gewesen ist: ein stadtnahes grünes Areal, allerdings mit Betonfundamenten, aus denen Bäume ragen. Die bieten einen Baustoff, der laut Hasso Ziegler von der „Süddeutschen“ immer noch einer der besten ist: „gutes altes Holz“.

Olaf Moos

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