Warten auf eine Perspektive

Generalverdacht gegen Sänger: Chöre leiden unter der Pandemie

Männerchor Sängerkreis Christuskirche
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Bis die heimischen Chöre – hier der Lüdenscheider Männerchor in der Christuskirche – wieder gemeinsam proben oder öffentlich auftreten können, wird es nach Ansicht des Sängerkreis-Vorsitzenden Rolf Ahrens noch länger dauern.

„Musik gehört zu unserem Leben“, sagt Benjamin Strasser, Präsident des Bundesmusikerverbandes Chor und Orchester. Chöre leiden derzeit besonders unter den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

Lüdenscheid – „Nach einem schwarzen Jahr für die Amateurmusik mit 1400 Konzertausfällen täglich brauchen wir einen musikalischen Neustart. Für ein Wiedererstarken des gesellschaftlichen Zusammenhalts brauchen wir die Amateurmusik dafür mehr denn je. Denn Musik gehört zu unserem Leben. Sie eint und verbindet uns. Sie tröstet und bestärkt. Sie ist eine universelle Sprache, die nicht verstummen darf.“ Benjamin Strasser ist Präsident des Bundesmusikerverbandes Chor und Orchester. Er weiß darum, dass viele Fragen und Hilferufe durch ehrenamtliches Engagement allein nicht mehr zu bewältigen sind.

Umso mehr freut sich der Bundesmusikerverband, dem über den Chorverband NRW auch der Sängerkreis Lüdenscheid angeschlossen ist, dass der Bund über das Programm „Neustart Kultur“ inzwischen auch den Fokus auf einen „Neustart Amateurmusik“ gerichtet hat. Das Ziel: den stillgelegten Chören und Orchestern unter die Arme zu greifen mit einem neu geschaffenen Kompetenznetzwerk.

Keine Einnahmen vorhanden

„Still ruht der See“, sagt Rolf Arens, Vorsitzender des Sängerkreises Lüdenscheid mit seinen 48 Mitgliedschören zwischen Menden und Meinerzhagen, wenn man ihn fragt, wie es um die Chorlandschaft im Kreisgebiet nach einem Jahr der Pandemie bestellt ist: „Es kommt halt kein Geld rein. Unter anderem, weil Veranstaltungen nicht stattfinden können.“

Zum Beispiel das traditionelle Picknick des Lüdenscheider Männerchores (LMC), das durch die Pandemie ausfiel und mit dem sich Chöre wie der LMC die Kasse aufbessern. Der Altersdurchschnitt in den Chören sei sehr hoch, so Arens. Die Befürchtung, dass auch nach einem Ende der staatlichen Restriktionen so manch älterer Sänger sein Vor-Corona-Hobby an den Nagel hängt, sei groß. Man warte wie so viele andere auch auf eine Perspektive: Wann und unter welchen Bedingungen darf wieder gesungen werden?

„Wir beobachten, dass aufgrund des entstandenen Generalverdachts gegen Chormusik eine Verunsicherung entstanden ist, die dazu führt, dass Chor- und Ensemblemusik nahezu in Gänze zum Erliegen gekommen ist. Unser Anliegen ist es, die Hygiene- und Abstandsregelungen den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien anzupassen“, heißt es seitens des Bundesverbandes. Dazu zählen auch die Chorproben, zu denen Lüdenscheider Chöre im vergangenen Sommer findige Ideen entwickelten. So traf man sich im Nattenberg-Stadion zu Chorproben auf Abstand oder auch in leer stehenden Hallen, in denen der Platz groß genug war, um die Hygienestandards einzuhalten.

Geselligkeit ein wichtiger Faktor

Arens: „Für viele Chormitglieder ist das gesellige Beisammensein wichtig. Man muss sich in die Augen schauen können. Besonders für die Älteren ist der persönliche Kontakt wichtig. Das Gesellige ist für die Älteren das Highlight der Woche. Das ist das, was ein Chor braucht.“

Natürlich sei man auch auf die digitale Schiene gewechselt. Maidi Langebartels zum Beispiel habe über WhatsApp immer wieder den Kontakt aufrecht erhalten. Und gemeinsam Lieder interpretiert haben die Lüdenscheider Sänger online auch. „Aber Gesang ist das nicht“, sagt Arens. Auch mit dem Chor Intermezzo sei man im Sommer draußen gewesen, im Herbst habe man auf Räumlichkeiten beim Kulturverein „mach was“ zurückgegriffen: „Aber ein Chor braucht ein Ziel vor Augen: ein Adventskonzert, ein Weihnachtskonzert.“

Gerade die Advents- und Weihnachtszeit war so still wie nie. Nun warten die Chöre darauf, „dass sich eine Tür öffnet“, wie es der Sängerkreisvorsitzende formuliert. Und er weiß von Chören, die nicht wissen, ob und wie es weiter geht.

Schwerpunkt des Förderprogramms „Neustart Amateurmusik“ ist ein neu geschaffenes Kompetenznetzwerk, das die ehrenamtlichen Strukturen im Amateurmusikbereich bei der Beratung zu Corona-spezifischen Fragen unterstützt. Zusätzlich sollen Neustart-Projekte der Chor- und Orchesterlandschaft mit beispielgebendem Charakter gefördert werden, die die Wiederaufnahme eines sicheren Probenbetriebs und Corona-konforme Konzert- und Veranstaltungsformate möglich machen.

Ende Februar wird die Wissensplattform www.frag-amu.de des Bundesverbandes an den Start gehen, auf der die gesammelten Informationen, Erkenntnisse und praktische Umsetzungen aus dem Netzwerk für die Amateurmusikszene bereitgestellt werden. Fragen können bereits jetzt an den Kontakt info@frag-amu.de gerichtet werden.

Das Kompetenznetzwerk will Rechtsberatung bieten, Inspiration zu kreativen Lösungen in Pandemiezeiten geben, berät bei der Entwicklung und Umsetzung von Hygienekonzepten, erstellt hilfreiches Material und verweist auf geeignete Fördermöglichkeiten.

Förderung bis zu 10 000 Euro

Musikensembles können sich mit einem Neustart-Vorhaben um eine Förderung von 2 000 bis maximal 10 000 Euro beim Bundesverband-Projektbüro bewerben. Eine Ausschreibung mit näheren Informationen dazu, was gefördert werden kann und was für einen Förderantrag gebraucht wird, wird abhängig vom Zeitpunkt der Freigabe der Förderrichtlinien auf der Website https://bundesmusikverband.de/neustart/. Frühestmöglicher Projektbeginn wird voraussichtlich Anfang Juni sein, heißt es seitens des Bundesverbandes.

„Ich denke, es wird noch Monate dauern, bis wir wieder singen können“, hat Arens wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende der musiklosen Zeit für die Chöre. Bis dahin bleibt nur das, was längst schon üblich ist: „Man telefoniert viel, man versucht, miteinander im Gespräch zu bleiben.“ Das Entgegenkommen jener, die Proberäume an Chöre vermietet haben, sei groß. Mieten werden ausgesetzt, denn die Mitgliedsbeiträge „reichen vorne und hinten nicht. Und viele Chöre haben Chorleiter, die bezahlt werden müssen.“

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