„Gefahr des Missbrauchs besteht immer“

+
Die Zahl der Komasäufer in NRW ist rückläufig. ▪

LÜDENSCHEID ▪ Mit einer Verschärfung des Jugendschutzgesetzes will Familienministerin Kristina Schröder (CDU) dem Komasaufen unter Jugendlichen einen Riegel vorschieben. Die Landesstelle Nordrhein-Westfalen der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) äußert Zweifel an Sinn und Zweck der angedachten Sperrstunde für Jugendliche unter 16 Jahren.

„Wir brauchen eine Gesetzgebung, die gesellschaftlich akzeptiert wird. Daher sollten Gesetze einerseits nicht zu streng und andererseits halbwegs realisierbar sein“, erklärte Jurist Sebastian Gutknecht von der AJS. Genau das sei beim Vorschlag des Familienministeriums nicht der Fall. „Ich sehe nicht, wie sich eine Zeitgrenze und Alkoholmissbrauch in Verbindung bringen lassen“, so Gutknecht weiter. Dem Konzept fehle es zudem an Genauigkeit, denn nicht jede öffentliche Veranstaltung mit Alkoholausschank stelle eine potentielle Anlaufstelle für jugendliche Komasäufer da.

Darüber hinaus geht das Verbot für Gutknecht an der Realität vorbei. „Sind wir mal ehrlich: Die Jugendlichen wären ja schön blöd, wenn sie viel Geld für Alkohol bei irgendwelchen offiziellen Anlässen ausgeben würden.“ Stattdessen komme es eher im privaten Rahmen zum Rauschtrinken.

Der Jurist des AJS glaubt nicht daran, dass sich ein verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol mit „ordnungsrechtlichen Instrumenten“ allein durchsetzen lässt. „Die Gefahr des Missbrauchs besteht immer – vor allem, da Alkohol leicht verfügbar ist. Und damit meine ich auch den finanziellen Aspekt“, sagte Gutknecht. Außerdem sei die Ahndung solcher Verstöße generell gesetzlich schwierig, wenn es um die jugendlichen Delinquenten geht.

Vielmehr setze er auf Aufklärung. Prävention, Aufsicht der Eltern und geeignete pädagogische Maßnahmen seien geeigneter, um dem Rauschtrinken vorzubeugen, glaubt Gutknecht. Immerhin: In NRW sei die Zahl der Komasäufer in den letzten Jahren rückläufig.

Dieser Trend gilt auch für Lüdenscheid. In Lüdenscheid ist die Kinderklinik für die Behandlung von Jugendlichen bis 18 Jahren zuständig, die sich eine Alkoholvergiftung eingehandelt oder ins Koma getrunken haben. Die Zahl solcher Einlieferungen ist seit 2008 rückläufig, wie Dr. Bernd Köster, Leiter der Klinik, gestern mitteilte. „Allerdings haben wir unter diesen Patienten noch keinen gehabt, der nach exzessivem Alkoholkonsum im Koma lag“, sagte Köster.

2008 waren es 59 Jugendliche, die mit einer Alkoholvergiftung in der Kinderklinik landeten, im Jahr darauf 48. 2010 und 2011 war die Zahl mit 28 beziehungsweise 29 Patienten auf einem fast identischen Niveau. Im ersten Halbjahr 2012 wurden 17 Jugendliche mit einer Alkoholintoxikation in die Kinderklinik eingeliefert. „Man sieht also einen deutlichen Rückgang, und das ist erfreulich“, sagte Köster. Allerdings gab der Arzt auch zu bedenken, dass diese Zahlen lediglich die bekannt gewordenen Fälle von übermäßigem Alkoholkonsum dokumentiere.

In der Kinderklinik werden Vitalparameter wie Herz und Kreislauf überwacht, wenn Patienten mit Alkoholvergiftung eingeliefert worden sind. Haben diese ausgeschlafen, folgt ein Beratungsgespräch mit Mitarbeitern der Klinik. Außerdem werden die Eltern von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt. ▪ pri

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare