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Gefahr durch Sprengung der Talbrücke Rahmede: Alles für die Haselmaus

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Von: Jan Schmitz

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Die Haselmaus ist eine streng geschützt Art. Der Nager aus der Familie der Bilche lebt ausgerechnet an und unter der A45-Talbrücke Rahmede.

Im Frühjahr mussten daher die Erdarbeiten an der maroden Brücke so lange warten, bis die Haselmaus aus dem Winterschlaf erwachte . Jetzt ist es Ende Oktober und die Haselmaus ist – ganz wie es ihrer Natur entspricht – wieder sehr, sehr müde.

Ungeachtet des Ruhebedürfnisses der Siebenschläfer-Art laufen im Hang unter der Talbrücke die Vorbereitungen für die Sprengung auf Hochtouren. Derzeit sind die Bauarbeiter mit den Fällarbeiten beschäftigt. Dann geht es Schlag auf Schlag. Anschließend wird das bis zu sieben Meter hohe Fallbett, in das die Brückenteile nach der Explosion stürzen, aufgeschüttet – und spätestens wenn die tonnenschweren Trümmer mit lautem Knall in die Tiefe stürzen, wäre es mit der Haselmaus-Idylle vorbei.

AutobahnA45
Länge257 km
BundesländerNRW, Hessen, Bayern

Aufgrund des Schutzstatus sind Autobahn GmbH und die Naturschutzbehörden bei der Haselmaus besonders rücksichtsvoll. Ein totes Exemplar unter der Talbrücke könnte bei Klagen das gesamte Neubauprojekt auf Jahre verzögern. Und das gilt nicht nur für das Verfahren zur Erlangung von Baurecht für die neue Talbrücke, sondern auch schon für den Abriss der alten Brücke, wie Sprecher Alexander Bange für die beim Märkischen Kreis angesiedelte Untere Naturschutzbehörde deutlich macht. „Richtig ist, dass bereits der Abbruch der alten Brücke die Durchführung von Ersatzmaßnahmen erforderlich macht, da allein die Fäll- und Rodungsarbeiten schon die Fortpflanzungs- und Ruhestätten der Haselmaus betreffen.“

Rettungsprogramm für Haselmäuse
Die Haselmaus ist eine geschützte Art. © Carsten Rehder/dpa

Ziel aller Beteiligten ist es daher, dass kein geschützter Nager auch nur versucht, in die Nähe der Baustelle zu gelangen, um sich hier für den Winterschlaf häuslich einzurichten. Aber wie soll man das den eigenwilligen Bilchen verklickern? Die Naturschutz-Experten kennen da so einige Tricks, die sich bewährt haben.

In der sogenannten Aktivitätsperiode der Haselmaus, die von Mai bis Oktober reicht, wurden laut Bange die in den betroffenen Waldbeständen lebenden Haselmäuse soweit wie möglich und in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde in „baustellenfernere Waldbestände“ umgesiedelt. Dazu wurden im März und April im Baufeld an der Brücke etwa 200 Haselmaus-Nisthilfen installiert, die seitdem im Abstand von zwei Wochen kontrolliert werden.

Wurde in einer Nisthilfe eine Haselmaus entdeckt, musste es schnell gehen. Die Nisthilfen wurden verschlossen und „in einen Ersatzlebensraum“ gebracht, der den Ansprüchen der Haselmaus gerecht wird. In diesen heckenähnlichen Abschnitten, die sich außerhalb des Baufeldes auf Lüdenscheider Stadtgebiet befinden, wurden die besetzten Nisthilfen an geeigneten Gehölzen befestigt und wieder geöffnet.

Damit die Umsiedlung gelingt und die kleinen Säugetiere nicht wieder stiften gehen, werden im neuen Habitat Maßnahmen zur „Attraktivierung des Wohnumfeldes“ durchgeführt. „Da die Haselmaus je Sommer mehrere Nester anlegt, werden pro umgesiedelter Haselmaus beziehungsweise umgesetzter Nisthilfe vier weitere Nisthilfen im Ziellebensraum installiert, um das dortige Lebensraumpotenzial zu erhöhen“, heißt es dazu im schönsten Beamtendeutsch aus der Unteren Naturschutzbehörde. Nach deren Angaben hat bis jetzt im Baufeld der Talbrücke Rahmede eine zweistellige Zahl von Haselmäusen den behördlichen Umzugsservice in Anspruch genommen. Dies entspreche in etwa der zu erwartenden Populationsdichte, die mit einem bis maximal zehn Exemplaren pro Hektar deutlich geringer ausfällt als bei anderen Kleinsäugern.

Sind damit alle Haselmäuse in Sicherheit? Nicht unbedingt, solange sich Wurzeln im Baufeld befinden, gibt es noch potenzielle Winterschlafsplätze. Daher führte die Autobahn GmbH in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde bereits seit dem Frühjahr Vergrämungsmaßnahmen durch, die die Rückkehr ins angestammte Habitat verhindern sollen. „Die Vergrämung erfolgte durch die Fäll- und Rodungsarbeiten, mit denen nach dem Winterschlaf begonnen wurde. Diese wurden mit entsprechender Umweltbaubegleitung und den geringstmöglichen Bodenschädigungen durchgeführt – unter anderem Verzicht auf schweres Gerät“, sagt Bange. Dadurch hätten die Baufeldflächen ihre „Habitateignung für die Haselmaus verloren“.

Haselmaus-Nachweis unterhalb der Talbrücke Rahmede.
Haselmaus-Nachweis unterhalb der Talbrücke Rahmede im April 2022. © Autobahn GmbH

Zwar beginnt der Winterschlaf der Haselmaus in der Regel teilweise schon im September, doch beim Winterschlag an der Talbrücke Rahmede gehen die Behörden lieber auf Nummer sicher. „Der genaue Zeitpunkt hängt von der Witterung ab, die – wie jetzt – auch im Herbst noch recht mild sein kann. Deshalb wird vorsorglich auch der Oktober als Teil der Aktivitätsperiode betrachtet. Spätestens ab November ist bei jahreszeittypischer Wetterlage von keiner Aktivität mehr auszugehen“, sagt Bange. Und in der Tat: Pünktlich am 2. November lässt die Firma Heitkamp endlich schweres Gerät im Hang auffahren, um die Wurzeln unter der Talbrücke zu entfernen.

Der Lüdenscheider Haselmaus ist sogar schon ein Song gewidmet.

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