Gedenken an Reichspogromnacht

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Rezitator Peter Zimmer (rechts) erinnerte an der Gedenktafel an der Bücherei an die jüdische Dichterin Gertrud Kolmar, deren letzter Brief aus dem Februar 1943 datiert – vermutlich starb sie in Auschwitz.

Lüdenscheid - Wenn Sprache angesichts des Grauens an ihre Grenzen stößt und doch das einzige Mittel ist, um sich auszudrücken: So erlebten es viele Dichter und Literaten angesichts der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Und so war es die Poesie, die am Dienstag im Mittelpunkt der Gedenkfeier der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lüdenscheid zur Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 stand.

An der Gedenktafel an der Rückseite der Stadtbücherei trafen sich Mitglieder der Gesellschaft, Kommunalpolitiker aller Fraktionen und weitere interessierte Bürger, um der Opfer der Nationalsozialisten zu gedenken. Rezitator Peter Zimmer erinnerte an eine erst in jüngerer Zeit wieder bekannter gewordene jüdische Dichterin: Gertrud Kolmar. Ihre Spur verliert sich 1943. Sie starb vermutlich in Auschwitz. Zimmer las ein Gedicht von Ulla Hahn über Gertrud Kolmar und schließlich ein weiteres Werk von ihr selbst.

Zuvor hatte Bürgermeister Dieter Dzewas in seiner Ansprache betont, dass die Väter des Grundgesetzes angesichts ihres eigenes Erlebens unter anderem das Grundrecht auf politisches Asyl festgeschrieben hätten. Viele hätten die NS-Zeit nicht überlebt, wenn sie nicht in anderen Ländern Asyl bekommen hätten. Auch Hella Goldbach, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, erinnerte an das Grundgesetz und sagte: „Wenn wir gemeinsam in Frieden und Sicherheit leben wollen, dürfen Antisemitismus, Ausländerhass und Intoleranz keinen Platz bei uns finden.“

Entsprechend war die Versöhnung, die einige der Überlebenden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch erleben konnten, eine zentrale Botschaft des gemeinsamen Vortrags von Dr. Marlies Obier und Eva Obier im Saal der Bücherei. Umrahmt wurde dieser von Burkhard Waimann mit Klezmer-Melodien.

Während Marlies Obier die Biographie des polnischen Dichters Czeslaw Milosz beschrieb, übernahm es ihre Tochter Eva, jeweils passende Passagen seiner Werke zu zitieren. „Was ist Poesie, wenn sie weder Völker noch Menschen rettet?“ hatten sie ihren Vortrag überschrieben.

Milosz diente dabei als Beispiel für unzählige europäische Dichter und Literaten, die den Zweiten Weltkrieg, das NS-Regime, aber auch den Stalinismus aus unterschiedlichen Perspektiven erlebten und erlitten. Er kämpfte im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, emigrierte aus dem kommunistischen Polen und erlebte den Fall des Eisernen Vorhangs und den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Wie Poesie trotz schrecklicher Erfahrungen ein Stück Heimat sein kann – und gerade deshalb weiterleben kann und sollte, brachte Weltbürger Milosz selbst auf den Punkt: „Ich war ein Bewohner eines idealen Landes, meiner Sprache“, zitierten die Referentinnen.

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