Unfallchirurg und Netzwerker: Gerfried Giebel geht in Ruhestand

Prof.Giebel vollendet am 15. Dezember sein 65. Lebensjahr. Zum Jahresende verlässt der Unfallchirurg das Klinikum.

LÜDENSCHEID ▪ Am 15. Dezember vollendet er sein 65. Lebensjahr. Ende des Monats legt er das Skalpell aus der Hand. Und im neuen Jahr – „. . . beginnt die grenzenlose Freiheit“, freut sich Professor Dr. Gerfried Giebel.

Der renommierte Unfallchirurg, der 20 Jahre lang in Lüdenscheid die Klinik für Unfallchirurgie im Klinikum Hellersen geleitet hat, setzt sich seine Grenzen dann nur noch selbst. Keine Verwaltung, die ihn bremst. Keine Patienten, die volle Aufmerksamkeit verlangen. Kein Terminkalender, der kaum Luft zum Atmen lässt. Keine Rund-um-die-Uhr-Belastung, nie mehr „auf Abruf“.

Er, der immer neugierige Weltenbummler, möchte viel reisen. Er möchte Zeit mit seinen Kindern – der Jüngste studiert auch Medizin – und den drei Enkeln verbringen, zum Skilaufen nach Österreich, zur Freundschaftspflege an die Stammtische, zum Auspowern in zwei seiner renovierungsbedürftigen Häuser. Vier hat er der Stadt schon „optisch geschenkt“, zwei weitere warten darauf, eigenhändig, mit Liebe zum angestammten Detail, zu handwerklicher Perfektion und mit dem Blick fürs große Ganze ein neues Leben geschenkt zu bekommen.

Dieser Anspruch hat ihn auch sein ganzes Berufsleben lang begleitet. „Ich bin froh, dass ich diese Klinik 20 Jahre lang ohne größere Einbrüche geführt habe“, sagt er zufrieden: „Das ist schon was.“ Der landläufige Spruch „Ein Chirurg ernährt zwei Anwälte“ umschreibt den Druck, unter dem Operateure stehen: „Man steht immer mit einem Bein im Gefängnis.“ Er sei „weiß Gott“ nicht ängstlich, sagt er. Und trotzdem.

Lieber steht Professor Giebel mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Dieser Boden war die Medizin. In Mittelfranken geboren, der Vater Arzt, studierte er nach dem Abitur Humanmedizin in Marburg, arbeitete sich über Stationen in Kassel, Hannover, Hamburg Altona und im Wirbelsäulenzentrum Bad Wildungen nach oben, bildete sich weiter, spezialisierte sich. Sechs Jahre lang lernte er schnelles, präzises Handeln an der Quelle, im Rettungshubschrauber- und Notarztwagen-Dienst. Von den Uni-Kliniken Homburg/Saar kam er nach Lüdenscheid, wo er „wirklich Fuß gefasst“ hat.

Ausgestattet mit einem durch Leistung, Erfolg und Können unterfütterten starken Selbstbewusstsein, ist er kein stiller Vertreter seiner Zunft. Was sich in mancher Hinsicht als Vorteil erwies. „Ich habe immer nach oben geguckt, wo kann man etwas verbessern?“ Was dient dem Menschen, dem Patienten, den Abläufen? Kommunikation ist ihm sehr wichtig, jeder „Fall“ hat seine Geschichte. Weil diese Geschichte nicht endet, wenn der Patient den OP-Tisch verlässt, war nur folgerichtig, dass er den Interessenverband für Unfallverletzte ins Leben rief, der – seit 20 Jahren auch in Lüdenscheid – Halt und Hilfe bietet, Betroffenen und Angehörigen.

Nebenbei hat er seine Rotarier zu körperlicher Arbeit an der Waldbühne bewegt, hat die Jugendinitiative Teens-Korner ins Leben gerufen, hat die Giebel-Runde aus Medizin und Wirtschaft gegründet. Er hat Bücher geschrieben und ist Mitherausgeber der „Chirurgische Allgemeine“, hat weltweit Kontakte genutzt um in notfalls kleinen Schritten Großes zu erreichen. „Ich kenne hier Tod und Teufel“, sagt er. Und er zögert nicht, sein Netzwerk zu nutzen, wenn’s der Sache dient.

Ungeduldig ist Professor Giebel, ein Arbeitstier, ein Mann mit Leidenschaften und Akribie. Der Ganz-oder-gar-nicht-Typ. „Es ist ein anstrengender, auch körperlich anstrengender Job. Wer kein leistungsbereiter Mensch ist, kommt da nicht hin.“ Trotzdem, auch darauf ist er stolz, hat er eine hervorragende Ausbildungsbilanz vorzuweisen, wie ihm ein Blick auf die Chefarztpositionen der Krankenhäuser bundesweit beweist. Er war ein fordernder Chef, aber auch ein lohnender. Auf die Frage, welche Höhepunkte sein reiches Berufsleben bereit hielt, nennt er zwei: „Meine Mitarbeiter. Meine Patienten.“

Was ihn ärgert: Dass seine Klinik noch nicht das Prädikat als Trauma-Zentrum bekommen hat, obwohl die wesentlichen Voraussetzungen seit Jahren gegeben sind.

Was ihn freut: die Xbox, die er zum Abschied von seinen Chefärzten bekommen hat. „Da kann man sogar Hip-Hop lernen. Und ganz ohne Verletzungsgefahr. Ist das nicht fantastisch?“ Wer ihn kennt, traut’s ihm zu.

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