Lüdenscheids Bürgermeister im Freizeitdress

Zum 60. Geburtstag: Ein Blick auf den Privatmann Dieter Dzewas

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Ein paar Sofakissen, ein spannendes Buch, sein Umfeld mit Familie und Hündin Cleo und natürlich sein Garten: Bürgermeister Dieter Dzewas, der heute 60 Jahre alt wird, zieht sich gerne in sein privates Refugium zurück. - Fotos: Moos

Lüdenscheid - Genug repräsentiert für heute! Genug entschieden und unterzeichnet und konferiert! Das letzte Gruppenfoto im Rathaus ist geschossen. Der Schlips liegt jetzt irgendwo rum, der dunkle Anzug hängt auf dem Bügel. Auf dem Couchtisch liegt „Bretonischer Stolz: Kommissar Dupins vierter Fall“ von Jean-Luc Bannalec. Dieter Dzewas trägt Bluejeans, dazu ein blaues T-Shirt und Schluffen, als er die Tür öffnet.

Und als Hündin Cleo anschlägt, groß und mit Bass, zeigt der Hausherr, wer hier Chef im Ring ist. Ein kurzes Wort, ein gelassenes Lächeln, eine leichte Handbewegung – nicht atemlos parlierend, nicht laut, nicht dominant, gar nicht so bürgermeisterlich.

Kaum noch gehört, aber treu aufbewahrt: die alte Schallplatten-Sammlung auf dem Dachboden.

Sein Zuhause ist ihm „das Wichtigste, was man hat“. Es steht an der Werdohler Straße und versperrt, wie so viele Straßenzüge, erfolgreich den Blick auf das, was dahinter liegt. Ein Garten, natürlich am Hang, weitläufig, alte Bäume darin, sorgsam gepflegte Büsche und Stauden, ein Sterne-Restaurant für Bienen. Der Hausherr zitiert Rabindranath Tagore, einen bengalischen Dichter und Philosophen: „Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“

Das Gebäude: innen viel helles Holz und lichter als es von außen anmutet, 1910 errichtet, von Männern vom Schlage seines Vaters. Heinz Dzewas war Bauarbeiter, ein „typischer Herzenskommunist und Internationalist“, sagt der Sohn. Und schaut stolz drein.

Politik, Arbeit, Bewusstsein

Indoktrination, nein, die habe es nicht gegeben früher. „Aber ganz sicher immer die Grundüberzeugung, dass alle Menschen gleich sind.“ Heinz Dzewas bringt häufig ausländische Kollegen vom Bau mit nach Hause, Italiener, Portugiesen, Griechen, die ersten Gastarbeiter eben. Man diskutiert am Tisch, kalte Limo dabei, es geht um Politik, Gewerkschaft, Arbeit, Bewusstsein. „In solch einem Elternhaus aufzuwachsen und apolitisch zu bleiben, das ist schon sehr schwierig.“

Der erste Ferienjob, als Helfer bei Pumpen Kracht, öffnet den Blick noch weiter. „Ich habe gelernt: Das einzige, was die Kollegen hatten und verkaufen konnten, war ihre Arbeitskraft.“ Kein Wunder, dass Dieter Dzewas, Pennäler am Zeppelin-Gymnasium, schlaksig, langhaarig, gleich Mitglied der IG Metall wird.

Viel später, nach seinem Abitur, Notenschnitt 2,7, wird der heutige Bürgermeister Ortsvorsitzender der IG Bau. Nach Abi und Zivildienst bei der Naturfreunde-Jugend – na klar, ein linker Wanderverein – hat Dzewas eine Maurerlehre im Baubetrieb Jende begonnen und sie schon nach knapp zwei Jahren abgeschlossen.

Es folgen sechs Jahre auf dem Bau. „Das war anstrengend, wenig Maschineneinsatz“, sagt der Mann, der beruflich fast nur noch am Schreib- und Konferenztisch zu tun hat. Viel länger als diese sechs Gesellenjahre hätte er sowieso nicht durchgehalten. „Die Lendenwirbelsäule.“ Das Umsatteln, das Studium der Sozialarbeit, Jobs in der Kommunalverwaltung, die Periode im Bundestag, die Kandidatur für das höchste Amt der Stadt – eine Lüdenscheider Laufbahn, etwas kurvig am Anfang, mit dem einen oder anderen Schlagloch, aber halt „lüdenscheiderisch“.

Der Letzte beim Pisspott-Auszählen

So sehr der Mann im dunklen Anzug politisch tickt, so bewusst der Jeans-Träger und seine Frau Gisela sich für das Leben mit mehreren Generationen unter einem Dach entschieden haben, so stark ist das Gefühl des Familienvaters und Hobby-Gärtners für seine Vergangenheit.

Der BVB-Bär hat seinen festen Platz, so wie der BVB im Herzen des Jubilars.

In seinen Erzählungen geht es um den BVB, dessen glühender Anhänger er schon vor Gründung der Bundesliga 1962 war. Er erinnert sich, „eher ein begeisterter Gucker“ gewesen zu sein als toller Kicker. „Beim Pisspott-Auszählen, wenn die Mannschaften zusammengestellt werden mussten, blieb ich oft bis zuletzt sitzen.“ Er erinnert sich daran, dass seine Eltern im Laden, anders als viele Nachbarn, nie anschreiben ließen. Und er weiß noch, wann und wo er von seinem Taschengeld die ersten Fix-und-Foxi-Hefte oder Wundertüten erstanden hat.

Fix und Foxi wohnen nicht mehr bei ihm. Dafür, in vielen Räumen seines Hauses, scheinbar willkürlich verteilt, zentnerweise Bücher, Krimis wie „Bretonischer Stolz“ und andere, überraschend leichte und unterhaltsame Lektüre. „Nur für mein Plaisier, kaum Fachliteratur.“ Wenn’s ernst werden muss zu Hause, bringt er sich Arbeit aus dem Rathaus mit.

Und er hortet Schallplatten, in der hintersten Ecke des Dachbodens inzwischen. Vinyl-Scheiben, die er längst nicht mehr hört, Rolling Stones, Deep Purple oder das legendäre Live-Album „No Nukes“ von 1979 mit berühmten Leuten wie den Doobie Brothers, Ry Cooder oder Graham Nash, aber auch Neueres wie Heinz-Rudolf Kuntze. „Quer durch den Garten“, sagt er.

„Zeitautonomie ist kaum vorhanden“

Jetzt gibt’s die bequemeren Konserven von CD, etwa Roxy Music oder BAP oder Springsteen, aber in erster Linie „habe ich immer das Radio an“. Wenn er nicht gerade auf dem Fahrrad sitzt und abends zu seiner geliebten Doppelkopf- und Skatrunde zum Vogelberg strampelt.

Das sind die kleineren Abschnitte im Alltag des Dieter Dzewas. Die größeren finden in der Öffentlichkeit statt, in Sitzungen, bei Empfängen, am Rednerpult, bei Firmenbesuchen. „Zeitautonomie“, sagt er eher nebenbei, „ist kaum vorhanden“.

Heute (Montag) wird Bürgermeister Dieter Dzewas 60 Jahre alt. Wir gratulieren.

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