Gaststätte Dahlmann: Frikadelle und Pils bei Nanny

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Christiana „Nanny“ Lange und Jürgen Wigginhaus feiern Kneipengeburtstag.

Lüdenscheid – Was bedeutet es für alteingesessene Kneipen, wenn aus Gesprächen Chats werden, nur noch Smileys ihr Gegenüber anlächeln und das Daumen-hoch-Piktogramm schon als sozialer Kontakt, als Zeichen der Anteilnahme am Leben anderer gilt? Ein Thekengespräch über Trends und Traditionen, über Kneipenabschied und Abschied von Kneipen.

Der Blick zurück in Nostalgie fällt auch auf Theken. Die wurden mit dem identifiziert, der dahinter stand. Familiär war’s. Ritual auf dem Nachhauseweg. Kummerkasten und Klatschbörse. Hulda zum Beispiel oder „Kalla“ Piepenstock am Bahnhof, Klaus Stange im Reidemeister, Renate Haase im „Hochhaus“ oder eben Nanny bei Dahlmann. 

Zumindest die – mit richtigem Namen Christiana Lange – gibt es noch. Nicht nur das gilt es zu feiern. Auch zwei 67. Geburtstage, ihr 40. Betriebsjubiläum im nächsten Januar und, diesen Sommer, 110 Jahre Dahlmann. 

Diese Ansichtskarte aus der Sammlung Schumacher entstand etwa um 1910.

1909, so weiß die Haus-Chronik, gab der Wirt Ernst Dahlmann der Gaststätte „Zur Sonne“ seinen Namen. Am 19./20. Juli feiert man daher Part 1 des Dahlmann-Geburtstages, am 9./10. August folgt Part 2, jeweils Open Air und im Saal. Die Einladung erfolgt zu „Event-Wochenenden“, die das Betreiber-Paar mit Historie garniert: Demnach ist das Gebäude an der Grabenstraße „um 1681 freistehend vor der Stadtmauer Lüdenscheids von einem Fuhrmann und Fuselzapfer erbaut“ worden. 

Den sechsten und letzten Stadtbrand 1723 überstand das Haus, wurde zur „Sonne“ und bekam 1895 einen eigenen Saal. Das sorgt fürs nächste Jubiläum: 2020 wird 125 Jahre Dahlmann-Saal gefeiert. Doch in die Festlaune an der Grabenstraße mischt sich Abschiedsstimmung. „Wir möchten nicht mit 70 hier noch abends stehen und Halligalli machen“, sagt Jürgen Wigginghaus. 

Das Leben, ein Event-Rausch

Denn ohne Dauer-Halligalli läuft nichts mehr heutzutage, weiß der Lebensgefährte der Dahlmann-Wirtin. Das Leben, ein Event-Rausch: Ohne Neues kein morgen, als wäre alles Vertraute von gestern. Früher lebten die Kneipen von Gästen, die sich zum Schwätzchen bei Frikadelle, Solei und Bierchen zusammensetzten, Stammtische, Frühschoppen, Vereins- und Familienfeiern bevölkerten. Kein Event, nur das Leben. Heute gibt’s kein Leben ohne Event. 

Die kleine Kneipe sichert das Auskommen nicht; der Saal will regelmäßig gefüllt sein, der bunt-blumige kleine Biergarten ebenso. Nur ein, zwei Jahre noch, dann sollen sich andere Gedanken machen, wie’s weitergeht. „So lange die Stammtische kommen, wird’s eine Kneipe bleiben“, sagt Jürgen Wigginghaus. 

Ernst Dahlmann (1863 - 1939) und seine Frau.

Der Brustton der Überzeugung klingt gleichwohl gedämpft. Denn neue Stammtische sind nicht in Sicht, die Jugend setzt auf große Ketten, auf Gastronomie mit System. Lokaler Charme reizt höchstens bei der Thekentour. „Dann kommen auch die Jungen in Scharen,“ weiß er, „aber hinterher nicht mehr.“ Selbst die sprichwörtlichen Stammtisch-Parolen haben die Kneipen verlassen und ihren Weg ins Netz gefunden. 

Montags ist Ruhetag bei Dahlmann, freitags/samstags Konzert, Party oder Privatfeier. Dann wird’s spät, also früh: drei, vier Uhr. Das, was das Kneipenleben dazwischen ausmachte, ist ausgedünnt, auch, weil die alten Stammgäste nicht mehr so viel vertragen, schon gar nicht täglich. „Früher gab’s Frühschoppen mit Pils und Schnäpschen. Früher ging’s von zehn bis ein Uhr durch“, erinnert sich Nanny, die den Frühschoppen manches Mal mit frisch gebackenem Kuchen in die Länge zu ziehen verstand. Denn hier gab’s nie nur Alkohol. Hier gab’s was Warmes für den Magen und Zuspruch fürs Gemüt. 

In 110 Jahren hat sich nicht nur die Kneipe grundlegend verändert, sondern auch ihr Umfeld.

Heute füllt jede Tankstelle, jede Bäckerei den Kaffeebecher zum Mitnehmen auf, an jeder Ecke lädt ein Imbiss zum schnellen Happen ein. Nur nicht zum Verweilen. Der Alltag hat mehr Umdrehungen als der Schnaps. Jeder blickt aufs Handy, keiner hat mehr Zeit – der Todesstoß für kommunikative Kneipenkultur. 

„Der Freitag als Ausgehtag ist tot“, stellt Wigginghaus fest. „Die Leute sind nach der Woche fertig: der Druck im Job, das Thema Geld, immer per Handy verfügbar sein.“ Dazu kommt: „Viele haben Partner gefunden. Das Interesse am Ausgehen ist weg.“ Zwar sucht jetzt die jüngere Generation – aber nicht dort, wo die Eltern fündig wurden. 

Auch das Rauchverbot habe eine große Rolle gespielt, ist die Wirtin überzeugt. „Das war ein Schlag. Heute gehen sogar die Nichtraucher mit vor die Tür.“ Weil’s drinnen dann leer wird und draußen geselliger. Gut, dass es den kleinen Biergarten gibt. Und „so tolle Nachbarn“. 

Jammern liefert keine Rezepte

Dass die Lüdenscheider ein schwieriges Völkchen sind, entweder zu viel los ist in der Stadt oder nichts, dass es im Umland eine richtige, eine verlockende Kneipenszene gibt, hier hingegen immer mehr Vereinsheim-Gastronomie – das mag alles sein. Aber Jammern liefert keine Rezepte, wie’s besser laufen würde. Sie könnten zwar „nicht ständig umstrukturieren“, sagt Nanny, aber für neue Ideen ist man nie zu alt. 

Also muss keiner den 110. Dahlmann-Geburtstag mit den besten Frikadellen Lüdenscheids feiern. Er kann sich jederzeit auch per Lieferservice etwas von der Pizzeria Bella Napoli liefern lassen, von der Gyrosliebe oder von Burger King. „Und die Leute bleiben da.“ Alte Kneipe, neuer Versuch.

"Die Nostalgie lebt immer noch" 

Viele Stammgäste haben nicht mehr erlebt, wie sich Nanny und Jürgen Wigginghaus „dem Zeitgeist anpassen“, wie er es nennt. „Aber die Nostalgie lebt immer noch“, ist Nanny überzeugt: „Kann sein, dass die Menschen in 10, 15 Jahren sagen, da fehlt uns was.“ 

Wenn alles klappt, haben die beiden bis dahin ihre eigene Stammkneipe gefunden, wo sie nur noch Gast sein dürfen. Am liebsten irgendwo an der Nordsee. Wo man an der Theke mit Blick aufs Meer so nett mit anderen ins Plaudern gerät. Mal sehen, was der Abend dann noch so bringt.

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