Die Rückkehr der Henkelmänner

Gastro im MK setzt auf Lieferservice - und produziert mehr Müll

Lüdenscheid Umwelt Niedergesäß Plastikmüll
+
Praktisch, auslaufsicher, billig – und bald so nicht mehr erlaubt: Um die Flut an Plastikmüll einzudämmen, verbietet der Gesetzgeber ab dem 3. Juli 2021 bestimmte Plastik- und Styroporgegenstände. Doch Carmen Niedergesäß fehlt für ihre Fleischerei eine praktikable Alternative.

Umweltberaterin Diane Bruners nutzt die gerade zu Ende gehende Europäische Woche der Abfallvermeidung, um bei Verbrauchern, aber auch bei Gastronomiebetrieben, für Mehrweg zu werben. Das wird durch Corona einerseits nicht leichter, andererseits drängender.

Lüdenscheid - Die Rückkehr der Henkelmänner könnte die Welt retten. Wenigstens die Umwelt. Denn der Kampf gegen den Plastikmüll beginnt schon in der Mittagspause. Nahm der arbeitende Mensch in den 50er-/60er-Jahren sein Essen im blechernen Henkelmann mit und wärmte es am Arbeitsplatz auf, so baumelt der Henkelmann 2020 heute als verknotete Einmal-Plastiktüte am Handgelenk. Darin: eine in Styropor oder Alufolie eingepackte Mahlzeit inklusive Papierservietten und Einwegbesteck. Das kommt alles in den Müll; der Henkelmann kam wieder mit zurück nach Hause.

Daran möchte die Verbraucherzentrale gerne wieder anknüpfen. Denn weil nun selbst Restaurants auf das Mitnehm-und-Liefer-Geschäft setzen müssen, entstehen „riesige Müllberge, die seit März zusätzlich produziert werden“. Doch es gehe auch anders, sagt Diane Bruners: „Sie müssen sich mit diesem Müllberg nicht abfinden.“

Ihre wichtigste Erkenntnis bei der Vor-Ort-Recherche: Trotz Corona ist es möglich, dass von Kunden mitgebrachte Behältnisse befüllt werden können. Der Lebensmittelverband habe sich diesbezüglich positiv geäußert. Das sei „grundsätzlich zulässig und möglich“, schreibt der Verband, der ein Merkblatt zum Thema anbietet.

„Zusätzlich haben wir uns bei der Lebensmittelkontrolle des Märkischen Kreises versichern lassen, dass dieses Vorgehen in Ordnung ist, wenn bestimmte Hygienemaßnahmen eingehalten werden“, so Diane Bruners. Damit das auch alle Parteien wüssten – „der Gastronom, dass er es darf, der Kunde, dass er die Wahl hat und alle, weil es nachhaltig ist“ – bietet die Verbraucherzentrale Hinweise fürs Schaufenster an. Entsprechendes Material zum Thema „Essen in Mehrweg – Wir machen mit“ werde an der Altenaer Straße 5 an interessierte Betriebe weitergegeben.

Ein Betrieb, der gerne mitmachen würde, ist die Fleischerei Niedergesäß an der Ecke Sternplatz/Wilhelmstraße, die neben der Fleischtheke einen Straßenverkauf und eine heiße Theke für ein Mittagessen mit drei Komponenten anbietet. „Ja, es fällt viel Müll an, das stimmt wohl“, sagt Mit-Geschäftsführer Daniel Niedergesäß. Essen mitzunehmen, sei aber „häufig eine Spontanentscheidung“, ergänzt seine Frau Carmen. Und wenn der Kunde seine Behälter nicht dabei hat, kommt die Currywurst eben in eine Plastikschale, Alufolie drüber, Gabel und Servietten dabei, alles in eine Papiertüte, ein Brötchen obendrauf und das komplett zusätzlich in eine dünne Plastiktüte – „falls die Sauce ausläuft“.

Der Sinn hinter diesem Imbiss war: Ich esse hier vor Ort. Vor Corona war es nicht der Sinn, alles zum Mitnehmen zu machen.

Carmen Niedergesäß

Wie eine Alternative aussehen könnte, weiß das Paar nicht. Die beiden großen Fachmessen in diesem Jahr, wo man sich austausche über solche Themen, wo es einen Überblick über Produkte und Verpackungen gebe – sie sind ausgefallen. Viel teurer als die paar Cent heute dürften andere auslaufsichere Verpackungslösungen nicht sein, sonst werde dem klassischen Kunden – Rentner, Handwerker, Mittagspausengänger – der regelmäßige Besuch zu teuer. Auch wegen dieser Diskussion wünscht sich Daniel Niedergesäß Normalität zurück: „Der Sinn hinter diesem Imbiss war: Ich esse hier vor Ort. Vor Corona war es nicht der Sinn, alles zum Mitnehmen zu machen.“

Umweltberater setzen auf Mehrweglösungen

Die Umweltberater der Verbraucherzentrale setzen sich derzeit verstärkt für Mehrweglösungen auch in Corona-Zeiten ein. Denn, das zeigt die Statistik, durch umfangreiche Liefer- und Mitnahmeangebote steige der Anfall von Plastikmüll. Dazu kommt das Verbot von Styropor (Polystyrol)-Verpackungen für warme Speisen und Getränke ab Juli 2021.

Deshalb wirbt man bei Kunden und Betrieben derzeit verstärkt für Müll sparende Alternativen. Dabei verweist die Umweltberatung auf grünes Licht vom Lebensmittelverband und der Lebensmittelkontrolle des Märkischen Kreises. Werden Hygieneregeln eingehalten, sähen beide keine Bedenken. Gastronomie- und Lebensmittel-Betriebe, die von Kunden mitgebrachte Mehrwegbehältnisse befüllen, können dafür mit Hinweisschildern werben.

Gastronomie- und Lebensmittel-Betriebe, die von Kunden mitgebrachte Mehrwegbehältnisse befüllen, können dafür mit Hinweisschildern werben.

Die Kampagne greift auf eine Initiative zurück, die unter anderem vom Bundesministerium für Umwelt (BMU) und dem BUND unterstützt wird. Informationsmaterial für Schaufenster und Thekenpersonal gibt es bei der Lüdenscheider Verbraucherzentrale, Altenaer Straße 5. Mehr Infos zum Thema finden sich unter anderem hier: www.esseninmehrweg.de; www.verbraucherzentrale.de/lebensmittel/einwegplastik; www.lebensmittelverband.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare