„Komm, wir gehen in die Stadt!“

Lüdenscheider "sauffen wie die beester"

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Das Black Lady wirkt schon von außen nicht unbedingt vertrauenserweckend.

Lüdenscheid - Wo getrunken wird, da geht es nicht immer friedlich zu. In Lüdenscheid wurde in alten Zeiten nicht nur getrunken, sondern geradezu gesoffen. So entstand der Begriff von der „Lüdenscheider Krankheit“. Und die blieb oft nicht folgenlos.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort. Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe. Folge 2 wagt einen Blick auf die Folgen der sogenannten Lünschen Krankheit. Wenn sich die Bergstädter dem Alkohol hingeben, können mitunter schreckliche Dinge passieren. Prügeleien vor Gaststätten sind da noch das kleinste Übel. Doch auch jene, die am Zapfhahn stehen, leben manchmal ganz schön gefährlich.

Was hat bloß den Schlagersänger Jonny Hill geritten, als er im Jahr 1975 das Lied für die B-Seite der Maxi-Vinylplatte „Weit, weit, weit ist es nach Lüdenscheid“ ausgesucht hat?

Wer die Scheibe umdreht, die Nadel des Plattenspielerarms auflegt, der bekommt den Song „Der letzte Drink“ zu hören. Da bittet der Sänger darum, noch ein alkoholisches Getränk und eine letzte Zigarette genießen zu dürfen, bevor er sich verabschiedet.

In Kombination mit der inoffiziellen Lüdenscheid-Hymne auf dem Tonträger mag das geradezu zynisch wirken. Berichten doch bereits Jahrhunderte alte Schriften davon, dass die Lüdenscheider dem Alkohol von je her ganz besonders zugetan gewesen seien. So notiert der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. 1722 über die Märkischen Sauerländer: „Die Altemercker sauffen wie die beester, mehr wißen sie nichts“.

An anderer Stelle attestiert man gar: „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd – in Lüdenscheid ist’s umgekehrt!“

Die berüchtigte "Lüdenscheider Krankheit"

Mehr Alkohol zu konsumieren, als der Mensch verträgt, das ist auch über die Grenzen der Bergstadt hinaus als „Lüdenscheider Krankheit“ bekannt. Die mit dem übermäßigen Alkoholkonsum einhergehenden psychischen Erkrankungen nehmen die Lüdenscheider schon länger nicht mehr auf die leichte Schulter.

Ein rasanter Anstieg von Selbstmorden alkoholkranker, alleinstehender Männer führte 1965 zur Einrichtung der Klinik für Suchtkranke an der Spielwigge – damalig die erste offene Heilstätte für alkoholkranke Männer in Nordrhein-Westfalen.

Wenn sich zur „Lüdenscheider Krankheit“ aber noch Aggressionen und Gewaltbereitschaft, Unachtsamkeit oder der Straßenverkehr gesellen, kommt’s zu grausamen Geschehnissen.

Tod durch die Bierflasche

So berichten die Lüdenscheider Nachrichten Anfang der 1970er-Jahre zum Beispiel über einen Mann, der tödlich verunglückt – weil er schon berauscht – noch einmal Bier holen will. Mit der prall gefüllten Plastiktüte voller Flaschen passiert’s dann auf dem Rückweg zur Wohnung: Im Treppenhaus rutscht der Lüdenscheider aus, fällt auf seine Einkäufe. Die Scherben der zerbrechenden Bierflaschen schneiden dem Mann die Kehle durch.

Die Wahrscheinlichkeit, mit zu viel Alkohol im Blut zu Tode zu kommen, ist in den 1970er-Jahren im Straßenverkehr an höchsten: Denn bis zum 14. Juni 1973 sind bis zu 1,5 Promille beim Autofahren zulässig, eine Anschnall- und Gurtpflicht wird in Westdeutschland erst am 1. Januar 1976 vom Gesetzgeber verlangt.

Die Folgen sind schwerwiegend. Massenkarambolagen auf der Sauerlandlinie und schwere Unfälle im innerstädtischen Verkehr sind an der Tagesordnung.

Selbst die Einführung der 0,8-Promille-Grenze ist vielen Lüdenscheidern zu Beginn völlig schnuppe. Denn auch, wenn die Polizei die Alkoholsünder aus den Verkehr zieht, müssen diese keine Bußgeldbescheide oder weitere Konsequenzen fürchten. Grund dafür ist, dass man es schlichtweg versäumt hat, die Zuständigkeiten in den Amtsstuben zu klären. Es herrscht längere Zeit Unklarheit darüber, ob nun die Lüdenscheider Stadtverwaltung oder die Bußgeldstelle des Kreises Altena zuständig ist. Erst eine Verordnung der Landesregierung schafft klare Verhältnisse.

Erschlagen mit dem Bügeleisen

Verkehrsprobleme anderer Art, gepaart mit ordentlich Promille, sorgen in der Nacht zum 23. April 1975 für ein Blutbad in einem Haus an der Peterstraße. Der 71-jährige Wäschereibesitzer Franz F. wird in seiner Wohnung von seinem Geliebten Heinz M. im Streit getötet. Der 24-jährige M. ist zum Tatzeitpunkt stark betrunken. Er erschlägt Franz F. mit einem schweren Bügeleisen, zerschlägt seinem Opfer Schädel und Brustkorb. Um sicher zu gehen, dass F. wirklich tot ist, schneidet sein Mörder ihm danach noch die Kehle mit einem Küchenmesser durch.

Grausiges Bild nach dem Mord an der Peterstraße.

Heinz M. stiehlt dem Toten eine Taschenuhr sowie 300 D-Mark. Im Anschluss an die Bluttat geht der Mörder ins Sauerland-Center – feiert und trinkt noch etwas in der Diskothek Serengeti. Keine zwei Wochen nach der Tat wird der junge Mann gefasst, im Folgejahr dann zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Messerstecher vom Samtkragen

Zum Messer greift 1983 auch ein Stammgast der Gaststätte Samtkragen am Knapp. Ein thailändischer Koch, genannt „Sam“, hat einfach keine Lust, mit dem Trinken am Tresen aufzuhören. Als Wirt Reinhold W. die Kneipe in den frühen Morgenstunden aber schließen will, zückt der Gast unvermittelt die Stichwaffe und rammt sie dem 30-Jährigen in den Bauch. Der Messerstecher flieht, der lebensgefährlich Verletzte kommt ins Klinikum und kann gerettet werden.

Den Hund erwischt es schlimmer

Im Frühjahr 1986 werden dann die Anwohner der Altenaer Straße nachts durch Pistolenschüsse aus dem Schlaf gerissen. Auf Klaus M., den 41-jährigen Wirt des Black Lady (ehemals Zum Weißen Pferd), wird ein Mordanschlag verübt. Der Bochumer Pizzabäcker Errico V. hat zwei Schüsse aus einer Waffe der Marke Reck Commander Automatic Kalber 8 mm auf M. und seinen Hund abgefeuert. Das Tier erleidet einen Bauchschuss, die zweite Kugel verletzt den Gastronomen an der Hand.

Diese Waffen wurden nach dem Angriff auf den Black-Lady-Wirt sichergestellt.

Errico V. springt in ein Auto, in dem seine Kumpels Rafaele A., Aurelio G. sowie Rafaele T. warten. Die Flucht ist schnell zu Ende, an der Stadtgrenze zu Altena stellen Polizisten das Quartett wenige Minuten nach der Tat.

Worum ging es? Errico V.s Freundin arbeitete zugleich in seiner Pizzastube und als Bedienung im Black Lady. Aufgrund des Bar-Jobs hatte die Bochumerin ihren Wohnsitz nach Lüdenscheid verlagert, was Errico V. missfiel. Um die Frau zur Rückkehr ins Ruhrgebiet zu bewegen, hatte er dem Wirt eine „Abstandssumme“ von 10 000 Mark zahlen. Weil sich Klaus M. weigerte, das Geschäft einzugehen, sollte er erschossen werden.

Die Thekenkraft mit der Eisenstange

Josef N., Kneipier im Lösenbacher Stübchen an der Lösenbacher Landstraße 166, hat weniger Glück als Klaus M.. Der 51-jährige Gastwirt wird in der Nacht zum 28. April 1989 mit einer schweren Eisenstange in seinem Lokal erschlagen. Ein aufgebrochener Flipperautomat am Tatort deutet darauf hin, dass N. Opfer eines Raubmordes wurde. Schnell herrscht bei der Kriminalpolizei aber Klarheit darüber, dass der Mörder die Ermittler auf eine falsche Spur führen wollte.

Nur wenige Tage nach der Tat wird ein 21-Jähriger festgenommen. Dieser gesteht, den Gastwirt umgebracht zu haben. Es handelt sich um eine von N.s Thekenkräften. Der junge Mann sagt aus, dass er mit N. über sein Gehalt gestritten habe. Der Wirt habe dann die Freundin seines Mitarbeiters beleidigt. Daraufhin habe er zur Eisenstange gegriffen und mehrfach auf den Kopf des Opfers eingeschlagen.

Mit den Flammen kommt das Ende

Lüdenscheider Wirte leben auch dann gefährlich, wenn nicht gerade Gäste oder Mitarbeiter ihnen nach dem Leben trachten.

In der City-Schänke konnte es nach einem Brand weitergehen – bis das Stern-Center kam.

Manchmal geht es buchstäblich heiß her. So brennt 1991 die altehrwürdige City-Schänke an der Sterngasse. Die Feuerwehr ist schnell genug zur Stelle, um Schlimmeres zu verhindern. Der Brand besiegelt keinesfalls das Ende der Gaststätte. Das kommt erst mit der Erweiterung des Stern-Centers ab 2007.

Das China-Restaurant Hongkong wurde durch ein Feuer völlig zerstört. Es gab keinen Neuanfang.

Lange Zeit ist auch das Haus Hochstraße 35 als Gastronomiebetrieb in der Bergstadt bekannt. In den 1970er-Jahren als Stammhaus des China-Restaurants Hongkong, später zieht das griechische Tanzlokal Abantaz ein. In der Nacht zum 14. Oktober 2009 endet die Geschichte des Hauses abrupt. Gegen 4.10 Uhr geht der Notruf bei der Feuerwehr ein – das Haus brennt lichterloh. Als die Blauröcke wenige Minuten später mit einem Großaufgebot vor Ort sind, haben die Flammen längst das erste Obergeschoss erfasst. Vier Menschen, die sich im Haus befinden, können gerettet werden, acht weitere Personen, die Bewohner der Hochstraße 37, werden evakuiert.

Nach der Feuernacht ist die Immobilie Hochstraße 35 unbewohnbar. Die Stadt erwirbt das Gebäude, lässt es 2011 abreißen. Heute befindet sich am ehemaligen Gaststättenstandort ein Parkplatz.

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