Gastro-Betriebe im MK im Dilemma: Aufmachen ist manchmal teurer als zuzulassen

+
Endlich einmal wieder raus zum Essen: Jutta und Jens Haack genießen den Abend bei Poseidon-Chef Theofanis Chalos. „Wir finden es ganz wichtig, ein bisschen Normalität zurückkehren zu lassen“, sagen sie: „Nicht in ein Restaurant zu gehen, ist auch keine Option.“

Märkischer Kreis - Auch wenn die Erlaubnis erteilt ist, öffnen nicht alle Gastronomie-Betriebe in Lüdenscheid. Wie es in der Szene aussieht, erfahren Sie hier: 

„Darf ich mich auch setzen? Ich möchte meinen Cocktail nicht zum Mitnehmen.“ Vorsichtig schaut sich der erste Gast in Grafs Galerie um, wo sich Mit-Inhaber und Geschäftsführer Oliver Stadler nach Wochen, in denen es die Cocktails nur „to go“ oder geliefert gab, gerade aufs Abendgeschäft vorbereitet. Der Gast nimmt Platz am einzigen nicht reservierten Tisch, der Aperol Spritz kommt – sieh’ an, es geht. Und es schmeckt wieder. 

Die Sitzplatz-Anzahl in der Altstadt-Bar ist halbiert, Theken- und Stehplätze fallen weg, der Gast füllt ein Datenblatt aus, hinter der Theke wird ein selbst kreiertes Tablett mit sechs Cocktails für die Lieferung vorbereitet – der Betrieb hat sich verändert. Und falls ein Gast seine Maske vergessen hat, kann er vor Ort eine kaufen; den Erlös spendet die Näherin fürs Kinderhospiz. 

Dass ab dieser Woche wieder der normale Mittwoch-bis-Samstag-Turnus greift, stimmt Frank Hulla optimistisch: „Wir ziehen es durch.“ Im Oktober kann das Galerie-Team den vierten Geburtstag feiern. Und das will es auch. 

„Wir haben unseren Mitgliedsbetrieben geraten, nichts zu übereilen“, sagt Lars Martin (stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Hagen. „Manchmal ist das Aufmachen teurer als zuzulassen.“ Gegen die Öffnung entschieden hat sich zum Beispiel das Alte Gasthaus Pretz, da es sehr schwierig sei, „in unserer kleinen Gaststube Euch einen Service zu bieten, den Ihr bei uns gewohnt seid und die verbundenen Auflagen der Landesregierung NRW in unserem Hause zu erfüllen“. Liefer- und Abholservice biete man von freitags bis sonntags aber weiterhin an. 

Ein erstes Feedback aus den Mitgliedsbetrieben fasst Lars Martin so zusammen: „Die Gäste waren vorsichtig. Es gab keinen Ansturm.“ 

Den Ansturm spürt hingegen der Verband. Die Unsicherheit. Die Bürokratie. Das Erklären immer neuer Regeln wie am Wochenende: „Überrascht haben wir festgestellt, dass Büfetts nun wieder erlaubt sind.“ Lobbyarbeit, Rettungsschirm-Forderungen, eine Schadensersatzpflicht des Staates zu diskutieren – das gehört dazu wie das Versorgen der Mitglieder per Mail mit Vordrucken, Infos, Hilfestellungen. Aber auch der Ärger mit den Versicherungen: „Ja, Betriebsschließungsversicherungen können greifen“, sagt Lars Martin. Es gebe erste Urteile, dass einzelne Seuchen nicht ausgenommen werden dürften. Auf jeden Fall rät er Mitgliedern dringend, sich anwaltlichen Rat zu suchen. 

„Es ist, wie es ist“, sagt der Dehoga-Sprecher, der im Moment an den Wochenenden um 6.30 Uhr am Schreibtisch sitzt und sich Sorgen um eine Pleitewelle macht. Nur die Hoffnung auf eine gute Freiluftsaison hält die Branche hoch: „Ich glaube, dass sich viele Gäste an das Gefühl, in der Gastronomie zu sein, wieder gewöhnen müssen. Das geht im Biergarten ganz gut.“ 

Der Mix macht’s: Frank Hulla (links) und Oliver Stadler von Grafs Galerie hoffen aufs Freiluft-Geschäft, liefern aber auch und bieten Cocktails zum Mitnehmen an.

„Der Verband hilft schon viel“, sagen Felice Bucci und sein Sohn Dominic übereinstimmend. Während der Vater als Pächter der Schützenhalle derzeit mit einer Absage und Verschiebung nach der anderen agieren muss, hat Sohn Dominic mit seiner Frau Vanessa gerade das Restaurant Castello wieder eröffnet. Viele offene Fragen, laufende Kosten, Papierkram, fehlende Stammtische – es ist schwer. Drei veranstaltungslose Monate machen auch Felice Bucci sehr zu schaffen. Doch trotz aller Sorgen, gibt es auch Dankbarkeit: „Wir können von Glück reden, dass wir so ein Gesundheitssystem haben“, sagt er, der von der Verwandtschaft aus Italien eine viel schlimmere Seite der Krise kennt. 

Manche Stammkunden haben ihren Wirten mit Bestellungen durch die Krise geholfen, sie freuen sich auf die Rückkehr an die Tische. Ralf Berg (Wirtshaus Budde) spürt, dass Gäste froh sind, wieder vor die Tür zu kommen: „Die Leute haben nur zuhause gehockt.“ Natürlich sei es jetzt sehr, sehr schwierig, sagt der Wirt, der Budde gerade eröffnet hatte, als der Lockdown kam: „Aber durchhalten muss man ja.“ 

„Wir sind finanziell angeschlagen. Es war eine schwere Zeit, wir müssen gucken“, sagt Christopher Steinhauer, der angetreten war, frischen Schwung ins Humboldt’s zu bringen, als die Schließung verordnet wurde. Mit kleiner Karte und großer Terrasse hofft man nun auf Gäste. „Die möchten ja vor die Tür“, weiß er. Aber sie seien auch verunsichert. Trotzdem: die Reservierungen machen Mut. 

„Wir halten durch und hoffen auf die Freiluftsaison“, sagt auch Willi Denecke vom Schröder’s: „Aber es ist natürlich eine Katastrophe."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare