„Ganze Straßenzüge werden wegfallen“

LÜDENSCHEID ▪ Einen teilweise drastischen Rückgang der Immobilienpreise in Lüdenscheid stellt der Immobilienverband Deutschland (IVD) in seinem jüngsten Überblick über die Preisentwicklung in mittelgroßen Städten in NRW fest.

Am höchsten fällt der Preisverfall bei den Eigentumswohnungen in mittleren und guten Wohnlagen aus: Zu Beginn des Jahres 2012 sanken die Preise in diesem Segment um 23 bis 25 Prozent. Die durchschnittlichen Quadratmeterpreise in guten Wohnlagen sanken in Lüdenscheid von 1500 auf 1125 Euro. Ein Lichtblick sind hier lediglich Eigentumswohnungen in sehr guten Lagen, deren Preis sich auf dem Niveau von 1700 Euro pro Quadratmeter halten konnte.

Ebenfalls abwärts ging es mit den Preisen für freistehende Eigenheime: Vor einem Jahr kostete ein durchschnittliches Häuschen mit Garage und Grundstück noch 280 000 Euro. Anfang 2012 lag der Preis nur noch bei 245 000 Euro. Das ist ein Minus von 13 Prozent – ein Wert, der in NRW nur von Wesel übertroffen wird. Keine weitere Mittelstadt hatte einen zweistelligen Einbruch in diesem Segment. Trauriger Spitzenreiter beim Preisverfall ist Lüdenscheid bei freistehenden Eigenheimen: Hier gingen die Preise um zehn Prozent zurück. Noch schlimmer erwischte es eher schlicht ausgestattete Eigenheime in einfachen Wohnlagen: Hier sank der durchschnittliche Preis von 170 000 auf 132 000 Euro. Das entspricht einem Rückgang von 22 Prozent.

Immobilienmakler Michael Bruchhage, der den Lüdenscheider Immobilienmarkt seit 30 Jahren beobachtet, sieht neben dem erheblichen Rückgang der Einwohnerzahl weitere Ursachen für diese Entwicklung: „Viele Menschen arbeiten mit befristeten Verträgen, für Zeitarbeitsfirmen oder in 400-Euro-Jobs.“ Doch auch Familien mit einem Einkommen von etwa 2500 Euro hätten angesichts von durchschnittlich 800 Euro Warmmiete und gestiegenen Energie- und Lebenshaltungskosten „nicht mehr viel Geld übrig, um Eigenkapital zu bilden“. Der Wunsch nach Wohneigentum werde deshalb immer unerfüllbarer: „Wir haben das Problem, dass viele Menschen eine Immobilie kaufen wollen, aber die Finanzierung nicht stemmen können.“ Es gebe deshalb „immer mehr Fälle, wo ich die Parteien nicht mehr übereinanderkriege“, sagt Michael Bruchhage und verweist auf einen Vermittlungsversuch, bei dem die Preisvorstellungen von Verkäufer und potentiellem Käufer 60 000 Euro auseinandergelegen hätten. Das Geschäft kam nicht zustande.

Als Grund für den Verfall der Preise nennt der Immobilienmakler auch die Angebotsseite: Nach der deutschen Wiedervereinigung und der europaweiten Öffnung der Grenzen sei Lüdenscheids Bevölkerungszahl in den 90er-Jahren stark angestiegen. Der Wohnungsbau erlebte durch das starke Engagement mehrerer Bauträger eine Boomphase, von der inzwischen nur noch ein Überangebot an Wohnraum übriggeblieben sei. Viele Übersiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion hätten sich darüber hinaus durch Eigenarbeit sehr schnell den Wunsch erfüllt, im eigenen Haus zu wohnen.

Inzwischen sei der Neubau jedoch „praktisch zum Erliegen gekommen“, und angesichts von Bevölkerungsprognosen, die einen weiteren Rückgang der Einwohnerzahl Lüdenscheids bis zum Jahr 2035 um 26,4 Prozent vorhersagen, sei wohl auch der Abriss von schlichtem Wohnraum unvermeidlich. „Das sind sieben- bis zehntausend Haushalte weniger. Da werden möglicherweise ganze Straßenzüge wegfallen.“ Schon jetzt sorge der zunehmende Leerstand für immer mehr ungepflegte und verfallende Ecken in der Stadt.

Wer seriös Immobilien verkaufen und vermitteln wolle, müsse die Durchschnittspreise des Verbandes im Auge behalten, betont Michael Bruchhage. Doch das Gegenteil sei oft der Fall „Viele Eigentümer verschließen die Augen davor und hoffen auf bessere Zeiten.“

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