Ganz viel Alkohol, aber keine Kapuzen

LÜDENSCHEID ▪ Dr. Sandra Al-Deb’i-Mießner, junge Richterin am Amtsgericht, hat keinen leichten Stand. Auf der Anklagebank sitzen – mal wieder – zwei stämmige Türsteher aus einer Discothek in der Innenstadt. 13 Zeugen, teils aus Hamburg und Berlin, sind geladen, drei von ihnen schwänzen. Der Rest liefert viele Geschichten, durchsetzt von Erinnerungslücken, Be- und Entlastungsabsichten, Widersprüchen und Ausflüchten. Wie es wirklich gewesen ist am 3. Januar dieses Jahres, gegen 3.30 Uhr, muss ein weiterer Prozesstermin ergeben.

Klar ist erst einmal nur das: Am Tag nach der Rangelei attestieren Ärzte Verletzungen von zwei jungen Männern, die offenbar mit den Türstehern aneinandergeraten waren: ein Monokel-Hämatom etwa – früher „Veilchen“ genannt – sowie Prellungen und Hautabschürfungen. Grund für den Streit war, so sagt einer der Angeklagten, die „Kleiderordnung“ in der Diskothek. „Kleiderordnung“ heißt es in dem Laden, den vorzugsweise ganz junge Erwachsene aufsuchen, unter anderem: keine Kapuzen!

Ob die Blessuren allerdings entstanden sind, während die Sachwalter des Hausrechts die Interessen ihrer Auftraggeber vertraten, ist noch offen. Die beiden behaupten, von den „Türern“ verdroschen worden zu sein. Die wiederum sehen das anders: „Die haben sich untereinander in die Wolle gekriegt“, sagt einer der Angeklagten, ein 29-jähriger Iserlohner. Weil einer nach dem Rauswurf wieder rein und der andere ihn daran hindern gewollt habe. Und weil die beiden Kontrahenten einiges getrunken hätten – einer hatte immerhin 1,7 Promille getankt – seien sie dabei hin und wieder gestürzt. Eine Kassiererin (55) sagt: „Als sie rausgingen, waren sie noch unverletzt.“

Es fehlt ein weiterer Beteiligter, der ebenfalls in Diensten eines Sicherheitsunternehmens steht und vor Gericht als Schläger bezeichnet wurde. Es fehlt ein unbeteiligter Zeuge, der den Verletzten „Ich habe alles gesehen, ich sage aus“ zugerufen haben soll. Und es fehlt: die Wahrheit.

Ob die sich, wie so oft schon in solcherlei Prozessen gegen Türsteher, als ganz andere Wahrheit entpuppt als die, die in der Anklageschrift niedergelegt ist, müssen weitere Vernehmungen ergeben. Möglicherweise haben die Verteidiger, Thilo Heuser und Rüdiger Schmidt-Weustenfeld, am Ende die Zweifel auf ihrer Seite, und ihre Mandanten gehen höchstens als ruppige Pflichterfüller aus dem Saal – aber unbestraft. Möglicherweise holt Rechtsanwalt Heiko Kölz, der einen der verbeulten jungen Männer als Nebenkläger vertritt, für seinen Mandanten auch ein Urteil heraus. Und verschafft ihm den Einstieg in einen zivilen Schadensersatz- und Schmerzensgeldprozess.

Dr. Sandra Al-Deb’i-Mießner versucht, die säumigen Zeugen zu laden. Eine Frau müsste aus Spanien anreisen. Ein langer Weg für die Folgen eines Kapuzen-Verbots.

Olaf Moos

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