Die Kunst, zu überleben

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Eines der Prunkstücke der Ausstellung: „Debakel auf Soest“, 1945, von Eberhard Viegener, der zu den“inneren Emigranten“ zählte.

LÜDENSCHEID - „Mache ich weiter und lasse mich verhaften, geh ich in den Widerstand oder ins Ausland oder passe ich mich an?“ Vier Optionen, die den Künstlern zu Beginn des Nationalsozialismus offen standen.  Vier Fragen, die jeder Künstler für sich selbst beantworten musste. Der Lüdenscheider Maler Paul Wieghardt wählte die Flucht ins Ausland, zumal mit einer Jüdin verheiratet.

Von Jutta Rudewig

Ein Künstler wie Fritz Duda, der aus einem kommunistisch geprägten Elternhaus stammte, ging in den Widerstand und blieb auch nach 1949 in der damaligen DDR. Für andere ging’s nach 1933 um das nackte Überleben, wieder andere, die meisten der Künstler, passten sich an, emigrierten nur innerlich und malten fortan Landschaften, Mythologie, Akte – und versuchten, irgendwie weiter zu machen.

„Anpassen – Überleben – Widerstand“ heißt eine einmalige Symbiose aus Kunst und Geschichte und wird in Form von an die hundert Kunstwerken ab Freitag in der Städtischen Galerie gezeigt. Kuratiert wird die Wanderausstellung über sechs Stationen von Klaus Kösters: „Die Biografien der Künstler prägten oft die spätere Kunst. Hitler favorisierte bayerische Heimatmalerei. Die meisten Künstler versuchten, sich irgendwie durchzuwurschteln.

 Die Ausstellung versucht, zu erklären: Wie wird man das, was man geworden ist? Sie steht zwischen Kunst und Historie.“ Viele der Bilder schlummerten lange in den Depots diverser Galerien. Ihre Werke, ja selbst die Künstler wurden in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. „Ein Künstler wie Paul Thesing zum Beispiel braucht den Vergleich mit August Macke nicht zu scheuen“, so Kösters, „aber man kennt ihn nicht.“ Lange habe er suchen müssen, sagt der Kurator, um über bekannte auf unbekannte Künstler dieser Zeit zu stoßen, den Kontakt mit den Verwandten aufzunehmen und dann aus deren Wohnzimmern und Nachlässen die Exponate für die Ausstellung zusammen zu stellen.

Kulturdezernent Wolff-Dieter Theissen und Kurator Klaus Kösters (rechts) bei der Vorstellung der Werke.

 Und noch eine weitere Schwierigkeit galt es zu meistern: Das Verhältnis der Verwandten zur nationalsozialistischen Lebensgeschichte des Künstlers. Ohnehin sei das auch heute noch schwierig für Besucher, neutral an die Ausstellung der Werke von NS-Künstlern heran zu gehen, erläuterte Kösters mit Blick auf die Kuratierung vergangener Ausstellungen. Aber er selbst habe auch viel Herzlichkeit erfahren bei den Menschen, bei denen er um Bilder anfragte, um sie für lange Zeit aus deren Wohnzimmern zu tragen.

Die Ausstellung „Anpassen – Überleben – Widerstand“ beginnt mit dem Blick auf die westfälischen Künstler und endet dort, wo das Team der Galerie Werke des Lüdenscheider Malers Paul Wieghardt in einer Dauerausstellung zeigt. Eröffnung der Ausstellung des LWL-Museumsamtes in Kooperation mit mehreren Museen Westfalens ist am Freitag ab 19.30 Uhr in der Städtischen Galerie an der Sauerfelder Straße. Klaus Kösters wird am 6. April ab 18 Uhr in den Museen einen Vortrag über die Ausstellung halten.

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