„Wer Gegenwärtiges verstehen will, muss Vergangenes kennen“

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Das Interesse an den Ausführungen der Russland-Expertin war groß. - Fotos: Görlitzer

Lüdenscheid - Als Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch und Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz vor etlichen Monaten den Termin für das Lüdenscheider Gespräch am Dienstag abstimmten, ahnte keiner von beiden, welche Brisanz inzwischen in dem Thema der deutsch-russischen Beziehungen steckt. Das spiegelte sich auch im Interesse an der Veranstaltung: Annähernd 200 Zuhörer waren in den roten Saal des Kulturhauses gekommen – und das nicht nur wegen der prominenten Referentin, sondern auch wegen der aktuellen Lage in der Ukraine. Die Fragen im Anschluss an den Vortrag drehten sich vor allem darum.

Gabriele Krone-Schmalz warb um Verständnis für die russische Sicht der Dinge. Sie sparte dabei nicht mit Kritik an der westlichen Seite, die in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und des Warschauer Paktes mit zweierlei Maß messe. Während es Verständnis für Ängste in Polen und den baltischen Staaten gebe, fehle jede Berücksichtigung russischer Ängste – „weil das Land so groß ist“. Das war eines von vielen Beispielen, das die Journalistin und Autorin anführte. Auch mit Schelte an ihren Berufskollegen sparte sie nicht. Sobald es gerade in der aktuellen Krise in der Ukraine um die Rolle Russlands gehe, fehle vielen Journalisten die kritische Distanz. Oftmals würden unreflektiert Schlagworte politischer PR übernommen. Ausdrücke wie „prorussischer Mob“ hätten in einer seriösen Berichterstattung nichts zu suchen, betonte Gabriele Krone-Schmalz. Auch vermisse sie fundiert recherchierte Hintergrundberichte. Vieles davon sei aber nicht den einzelnen Journalisten anzulasten, sondern vielmehr dem Mediensystem, in dem unter Zeit- und Kostendruck gearbeitet werde.

Zuvor hatte Russland-Expertin Gabriele Krone-Schmalz versucht, einen kurzen Überblick darüber zu geben, wie Wladimir Putin und die russische Nation ticken und warum. Nach dem Grundsatz „Wer Gegenwärtiges verstehen will, muss Vergangenes zumindest ansatzweise kennen“, ließ sie schlaglichtartig die vergangenen 20 Jahre Revue passieren – von der Perestroika unter Gorbatschow über den Stillstand unter Boris Jelzin bis hin zur dritten Präsidentschaft Putins. Seit der Regierungszeit Jelzins habe der Westen, so Krone-Schmalz, viele Entwicklungen in Russland anders gedeutet, als sie im Land selbst wahrgenommen wurden. Das Land habe in gerade einmal 20 Jahren drei Revolutionen gleichzeitig erlebt: von der Plan- zur Marktwirtschaft, von der Diktatur zu rechtsstaatlichen Strukturen, vom Sowjetreich zum Nationalstaat. Putin habe während seiner ersten Präsidentschaft – auch gegen Widerstände in seinem Land – intensiv um eine Partnerschaft und enge Kontakt mit dem Westen geworben und sei damit immer wieder „vor die Wand gelaufen“. Da sei es kaum verwunderlich, dass er sich jetzt auf eine mögliche eurasische Union als Gegenpol zur EU konzentriere. - gör

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