Komm, wir gehen in die Stadt!“

Kunststoff-Messe: Als die Ufos in Lüdenscheid landeten

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Die (Plastik)-Zukunft lag Anfang der 70er-Jahre auf der Höh.

Lüdenscheid - Eine Verkaufsausstellung, auf der so gut wie nichts verkauft wird, kann man eigentlich vergessen. An die IKA auf der Höh erinnern wir uns trotzdem gern.

Neues von Gestern: Mit der LN-Serie „Komm, wir gehen in die Stadt!“ setzt Autor Fabian Paffendorf seinen erzählerischen Rundgang durch das Lüdenscheid der 1960er- bis 1990er-Jahre fort (hier geht es zu den bereits erschienenen Teilen). Kult-Kneipen, prominente Gewerbeimmobilien und der Einzelhandel stehen im Mittelpunkt der Reihe. In Folge 4 endet die Zukunftsvision vom Leben im Plastikhaus. Die „Internationale Kunststoffhaus-Ausstellung der Welt“ auf der Höh gerät in den 1970er-Jahren zum gigantischen Flop. Doch die dort gezeigten Exponate und die Peripherie sollen ein zweites Leben erhalten, manches davon gar das neue Bild von Lüdenscheids Innenstadt aufwerten. Das läuft nicht ganz so, wie es sich die Verantwortlichen vorgestellt haben.

In den Jahren 1971 und 1972 sollte in Lüdenscheid den Menschen gezeigt werden, wie sie in der Zukunft wohnen und Urlaub machen – in Häusern, die überwiegend aus Plastik gefertigt würden.

Zur „Internationalen Kunststoffhaus-Ausstellung der Welt“ (IKA) auf dem Gelände an der Höh kamen insgesamt 500 000 Besucher. Auch Bundeskanzler Willy Brandt und zahlreiche Stars und Sternchen ihrer Zeit waren zu Gast.

Idylle mit Plastik: die IKA auf der Höh.

Die Werbung für die IKA besorgte der spätere Lüdenscheider Erfolgsgastronom Jörg Mehl mit seiner Düsseldorfer Agentur. „Es ist nicht weit nach Lüdenscheid“ war der Slogan, dem die Massen folgten; nur gekauft wurde bei dieser Ausstellung so gut wie nichts. Ein Großteil der eigentlich für den Verkauf bestimmten Exponate war viel zu teuer, der Rest einfach nur unausgereifte Designstudien.

Geplant war ursprünglich gewesen, diese Art der Weltausstellung jährlich stattfinden zu lassen, doch nach der zweiten Auflage hatte die veranstaltende Sauerländische Freizeit- und Erholungsanlagen Baugesellschaft mbH und Co. KG (SBG) einen massiven Schuldenberg bei der Stadt Lüdenscheid angehäuft. Die Stadt kündigte 1974 das Gelände. Die Ausstellungshäuser sowie das Drumherum des kleinen IKA-Dorfs kamen unter den Hammer.

Jetzt stellte man sich in der Lüdenscheider Verwaltung zudem die Frage, welche IKA-Ausstellungsstücke aus städtischem Besitz sich noch effektiv für eine Weiterverwendung an anderer Stelle nutzen ließen. Der Innenstadtumbau war im vollen Gange, also kam man auf die Idee, dass sich einzelne Konstruktionen vielleicht für das neue Stadtbild eignen könnten.

Keine Verwendung für die Überreste

Die vorhandenen Plastikmöbel zum Beispiel fest als Ruhe-Oase auf dem neuen Sternplatz aufzustellen kam jedoch aufgrund des wenig witterungsbeständigen Materials der Objekte nicht in Frage.

Anders sah man die Sache bei der Zeltdachkonstruktion, die zuvor im Eingangsbereich der Ausstellung stand. Wie die Lüdenscheider Nachrichten im Sommer 1974 berichteten, hielt es der Technische Beigeordnete Horst Schulze-Bramey durchaus für eine Option, das Zeltdach zukünftig zwischen dem Kaufhof am Stern (später Kaufhalle) und dem Krause-Haus (später Leffers) an der Wilhelmstraße aufzustellen.

Das Zeltdach in der City blieb nur eine Vision.

Auf die Idee war Schulze-Bramey nach einer Anregung durch die Verkehrsbetriebe Mark-Sauerland gekommen. Die Verkehrsbetriebe hatten bereits nach einer architektonischen Möglichkeit gesucht, den Fahrgästen am neuen Omnibusbahnhof Sauerfeld einen attraktiven Unterstand beim Warten auf den Bus zu ermöglichen. Dafür hatte man Architekt Reinold Voss zu Rate gezogen, der unter anderem der Ansicht war, man sollte die Vordächer des Kaufhof- und Krause-Hauses soweit verlängern, dass sie verbunden werden könnten.

Alternativ im Gespräch war eine Überdachung der Sauerfeld-Unterführung im Eingangsbereich zwischen den Kaufhäusern.

Ebenso wie die Voos-Lösungen blieb auch die Idee mit dem Standort Sauerfeld für die IKA-Zeltkonstruktion ein Luftschloss. Allenfalls als Fotomontage in den Lüdenscheider Nachrichten tauchte diese Überdachung für die Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs auf. Denn eines hatte man weder bei der Stadt noch bei Mark-Sauerland bedacht: Das Zeltdach war längst beim Räumen des IKA-Geländes in die Zwangsversteigerung geraten. Ein Unternehmer aus Warendorf hatte es gekauft.

Nahezu überdacht war durch die Schirme die Passage vom Sternplatz zum Sauerfeld.

Plan B trat in Kraft: 1975 stellte die Stadt die noch aus dem IKA-Bestand verbliebenen Schirm-Pilze am Sauerfeld auf. Schnell zeigte sich jedoch, dass diese dem Lüdenscheider Wetter nicht gewachsen waren. Zum einen verfügten sie nicht über einen durchdachten Regenablauf, zum anderen brachen sie im Winter unter dem Schnee zusammen. Auch Wind und Sturm setzte den Schirmen arg zu.

Schirm-Pilze halten das Wetter nicht aus

1978 war Schluss mit den Schirmen am Sauerfeld. Sie wurden verschrottet. Anstelle der fragilen Konstruktionen wurde eine massiver Unterstand für die Mark-Sauerland-Kunden errichtet.

Wetterbeständig waren sie nicht, die IKA-Schirme, die in der Innenstadt eine neue Heimat fanden.

Publikumsmagnet und Star der IKA war unbestritten das Ufo-Haus Futuro des finnischen Architekten Matti Suuronen gewesen. Als es an der Höh zur ersten Ausstellung aufgebaut wurde, war es im Rest der Welt schon mehr als drei Jahre bekannt.

Im Auftrag seines Freundes Dr. Kaakko Hiidenkari hatte Suuronen die eigenwillig anmutende Ski-Hütte schon im Jahr 1967 entwickelt. Die 16 einzelnen Halbschalenteile aus glasfaserverstärktem Polyester mit Polyurethan-Isolation, aus denen es bestand, wurden 1968 bei der finnischen Manufaktur Polykem bereits seriell hergestellt. Die Produktion lief bereits auf Hochtouren, als man darauf kam, dass die Vermarktung möglicherweise Schwierigkeiten machen könnte.

Angepriesen, als ein Freizeithaus für jedermann, widersprach der hohe Preis von mehr als 12 000 D-Mark pro Stück der Vermarktung als portables Feriendomizil für die Masse. Immerhin waren aber mehr als 400 Aufträge aus aller Welt bei Polykem eingegangen, 25 weltweite Lizenzen für die Herstellung des Hauses im Ausland wurden vergeben.

Ein Geschenk für Charles Wilp

Die Variante, die auf der IKA beäugt werden durfte, war aus einem Produktionslauf der Firma Alco hervorgegangen. Nach der Ausstellung wurde das Lüdenscheider Exemplar zerstört. Besser erging es hingegen jenem Haus, das in Iserlohn ausgestellt war, um für die Ausstellung in Lüdenscheid zu werben. Der Pharmakonzern Bayer, der als Sponsor aufgetreten war, machte das Iserlohner Futuro dem Künstler Charles Wilp zum Geschenk. Schließlich schwärmte der Schöpfer des Afri-Cola-Slogans „Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-Cola“ für Raumfahrttechnik. Mit einem Bundeswehr-Hubschrauber gelangte das Haus von Iserlohn nach Düsseldorf-Wittlar, wo es Wilp auf dem Dach seines Wohnhauses aufstellen ließ.

Als kreativer Rückzugsort ausgelegt, wurde Wilps Futuro zum Treffpunkt der internationalen Kunst- und Pop-Art-Szene jener Tage. Künstler wie Christo, Yves Klein oder Andy Warhol besuchten das Haus und inszenierten in ihren Arbeiten. Auch wenn das Haus von Charles Wilp zweifelsfrei seine Bedeutung für die Künstlerszene besaß, wurde dies von der Düsseldorfer Politik völlig außer Acht gelassen. Diese warf dem Kreativkopf vor, dass sein Futuro das Stadtbild verschandle. 1983 verschwand das Ufo-Haus daher aus Düsseldorf.

Abstecher sogar in die Antarktis

Der Düsseldorfer „Express“ berichtet: „Nach einer Odyssee durch Europa (das Futoro diente auch als Chillraum für Forscher in der Arktis) landete es in Vlotho an der Weser.“

Von dort aus wurde es mit einem Schwertransport in Wilps Geburtsstadt Witten gebracht und stand dort etwa sechs Jahre auf dem Pumpengebäude der Stadtwerke. Seit knapp vier Jahren schließlich ist es laut Westdeutscher Allgemeiner Zeitung (WAZ) und Wikipedia auf einem Freigelände in München zu sehen. Es gehört zu „Die Neue Sammlung – The Design Museum“, einem von vier staatlichen Häusern der Pinakothek der Moderne.

Rondo - hier auf der IKA -  fand seinen letzten Standort in Freiburg.

Futuro war nicht das einzige Freizeithaus auf der IKA, dessen Optik frappierend an fliegende Untertassen aus 50er-Jahre-Science-Fiction-Filmen erinnerte. Aufsehen erregte ebenfalls das Kunststoffbauwerk Rondo, das von den Basler Architekten Angelo und Dante Casoni entworfen worden war. Rondo, das Haus aus faserverstärktem Kunstharz in Gestalt einer oben und unten abgeflachten Kugel, brachte 4,5 Tonnen Gewicht auf die Waage, verfügte über einen Durchmesser von 7, 80 Metern, war 3,80 Meter hoch – und ein Prototyp. 1969 in einem Spritzgussverfahren gefertigt von der Horlacher AG, war das Wohn-Ei erstmals im selben Jahr auf der Basler Mustermesse der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Herr Gockl wird neugierig

Unter deren Besuchern war damalig auch Hans Johann Gockl, ein Unternehmer aus Freiburg. Gockl empfand, dass die Form des Rondo-Hauses dem Logo seiner Jalousien-Firma ähnelte, weshalb er mit einem Kauf des Objekts schon früh liebäugelte. Es sollten aber noch ein paar Jahre ins Land ziehen, bis der Preis für das skurrile Einzelstück dem Geschäftsmann gefiel.

Die Jahre 1971 und 1972 verbrachte das Rondo an der Höh. Nach Räumung des IKA-Geländes war das Musterhaus dann in einem Lüdenscheider Hinterhof untergebracht, wo es über einige Jahre vor sich hin gammelte. Im Hintergrund verhandelte zwischenzeitig ein japanischer Interessent mit den Architekten über einen Kauf des Ungetüms. Der Deal kam jedoch nicht zustande. Erst das Angebot, das Hans Johann Gockl den Erfindern im Frühjahr 1976 unterbreitete, gefiel denen. Für 10 000 D-Mark wechselte das Haus den Besitzer.

Rondo auf dem Weg nach Freiburg

Nur hatte der Neueigentümer ein besonders großes Problem zu lösen. Wie sollte die Ufo-Behausung kostengünstig zu ihrem neuen Bestimmungsort gebracht werden? Angehängt an einen Hubschrauber der Bundeswehr hätte der Transport von Lüdenscheid nach Freiburg pro Stunde Flug 22 000 Mark gekostet. Gockel entschied sich für eine andere Möglichkeit des Transports. Für rund 20 000 Mark wurden Kranwagen, Schwertransporter und ein Schiff angemietet, um den Koloss nach Freiburg zu schaffen. So wurde das Haus im August 1976 auf einen Sattelschlepper geladen, der eskortiert von einer Blaulichtflotte das Ruhrgebiet ansteuerte. Die abgeflachte Kugel wurde verschifft, und den Rhein hinauf gebracht. Im baden-württembergischen Breisach hob ein Kranwagen Rondo auf einen weiteren Schwertransporter, der es zum Zielort brachte.

Gockel ließ das Haus blau anmalen und auf seinem Firmendomizil an der Freiburger Böcklerstraße aufstellen. Dort kann man es heute noch bewundern.

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