40 000 Menschen trauern um den Spatz

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Heleen Joor gab die Edith Piaf in der Inszenierung. 

Lüdenscheid – Der gemeinsame Lebensabschnitt zwischen zwei der größten Diven der Musikgeschichte drängte am Dienstagabend jegliche Sorgen um die Ausbreitung des Corona-Virus in den Hintergrund. Kaum Absagen und rund 250 Gäste im großen Saal des Kulturhauses – auf der Bühne das Ensemble des Fritz-Rémond-Theaters im Zoo aus Frankfurt.

Nicht gerade eine berauschende, aber immerhin in Zeiten wie diesen tragbare Kulisse für eine faszinierende Inszenierung. Das Publikum erwartungsgemäß überwiegend älterer Natur, in der Pause Sekt und Häppchen, dazwischen mehr als zweieinhalb Stunden Chansons von „Sag mir, wo die Blumen sind“ über „La vie en rose“ bis hin zu einem sensationell vorgetragenen „Non, je ne regrette rien“ der gebürtigen Niederländerin Heleen Joor, die die Piaf gab.

„Spatz und Engel“ – treffender hätte der Titel der Inszenierung nicht sein können. Die unscheinbare Chanteuse, die in den USA vergeblich versucht, musikalisch Fuß zu fassen, und die Hollywood-Diva Marlene Dietrich (Susanne Rader). Respekt, Bewunderung und am Ende eine Liebesaffäre zwischen beiden. Die Geschichte selbst ist rückwärts inszeniert und beginnt mit dem Bruch der beiden Freundinnen. Eine auf Videowand geworfene Zeitleiste hilft dem Zuschauer, sich zu orientieren. 

Im New York Ende der 40er-Jahre treffen die beiden Frauen aufeinander. Gekonnt gibt Susanne Rader den „Engel“, kühl, makellos, geheimnisumwoben. Das Herz des Publikums aber gehört vom ersten Lachen an dem Spatz von Paris. Wenn Heleen Joor, bubenhaft, mit struppigen Haaren und fast wie ein kleiner Kobold, zu lachen beginnt, lachen die Gäste mit. Und wenn sie singt, hält das Publikum den Atem an.

Ohne Zweifel besitzt die Sängerin, die mit Konstantin Wecker und den Münchner Symphonikern tourte, das größere Stimmpotenzial, wenn sie da mit ihrer überschaubaren Körpergröße auf der Bühne steht und mit „Dreck“ in der Stimme „Milord“ oder „Mon manège á moi“ fast schon ins Publikum schmettert. Schade nur, dass sie damit ihre Duo-Partnerin ein ums andere Mal an die Wand spielte. 

Der Boxweltmeister Marcel Cerdan (Steffen Wilhelm, der mit Arzu Ermen in mehreren Rollen zu sehen ist) wird schließlich für die Piaf zum Fix- und Wendepunkt in ihrem Leben. 1949 kommt er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – und nichts ist mehr, wie es war.

Susanne Rader als der "blonde Engel" Marlene Dietrich.

Großartig stellt Heleen Joor den Verfall des Weltstars dar. Alkoholsucht, Morphium, spiritistische Sitzungen, um mit dem Geist Marcels Kontakt aufzunehmen, Entziehungskuren, immer neue Männer. Zwischen 1951 und 1963 hat sie vier Autounfälle, wird sieben Mal operiert. Am Krankenbett versöhnen sich die Frauen, und wieder ist es die kühle Blonde, die versucht, Einfluss auf das Leben der Kranken zu nehmen.

Als Edith Piaf am 10. Oktober 1963 stirbt, folgen 40 000 Menschen ihrem Sarg. Eine theatralische Sterbeszene, in der der Spatz von Paris entschwindet, hat Regisseur Daniel Große Boymann dankenswerter Weise weggelassen. Marlene hat sich längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, als im letzten Bild der Inszenierung der kleine Spatz am Bett der großen Diva erscheint.

Ein Abschied ohne Theater, eine sehenswerte Inszenierung, berührende, komische, tragische Momente und Chansons, die man selbst 60 Jahre später mitsingen möchte, Klavier- und Akkordeonbegleitung durch Cordula Hacke und Vassily Dück. „Spatz und Engel“ sind auf ihrer Tournee noch viele

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