Lüdenscheider Haarstylisten stehen mit der Schere bereit

Nach Ende ihres Lockdowns: Das sagen Friseure vor dem Neustart

Corona Friseur Lockdown Anja Göckeler
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Von 7.30 Uhr an wird am Montag bei Anja Göckeler gearbeitet - Ende offen.

Am Montag in aller Frühe öffnen die Lüdenscheider Friseure ihre Pforten. Wer sich auf eine spontanen Termin verlegt hat, geht möglicherweise leer aus. Wartezeiten von drei, vier Wochen sind keine Seltenheit.

Lüdenscheid - „Das geht von unendlich dankbar bis zu völlig ungehalten“, fasst Anja Göckeler die Reaktionen ihrer Kunden zusammen. Das Telefon bei der Inhaberin von Haarmoden Anja im Hosang-Haus an der Grabenstraße, steht nicht mehr still. Die meisten der rund 80 Friseursalons in der Bergstadt haben mittlerweile Rufumleitungen oder Anrufbeantworter geschaltet, um der Flut der Anrufe Herr zu werden. „Machen wir nicht“, sagt Anja Göckeler mit Blick auf den Kundenservice, „wir gehen ans Telefon oder rufen zurück und reden mit den Kunden. Man muss was tun, zum Beispiel, um zu zeigen: ,Wir sind wieder da’ oder eher ,Wir sind noch da’“.

Ob alle Friseursalons in Lüdenscheid den monatelangen Lockdown überleben werden, vermag die Lüdenscheiderin nicht zu sagen. Der bürokratische Dschungel der Überbrückungshilfen sei unüberschaubar: „Manche haben gar keine Überbrückungshilfe gekriegt oder warten noch darauf. Diese ganzen Versprechen, dass der Staat uns hilft – das dauert alles viel zu lange.“ Sie ist dankbar dafür, dass sie auf eine verständnisvolle Vermieterin zählen kann, „die die Kosten auf vier Schultern verteilt statt nur auf zwei“. Hinzu käme „ein Riesenbestand an totem Kapital“. Wintercreme zum Beispiel, die sie zum halben Preis verkaufen muss. Oder auch die Kosten für den Steuerberater – „die ersetzt mir ja kein Mensch“.

„Wir arbeiten, bis die Schere glüht!“

Am Montag um 7.30 Uhr öffnen sich die Türen für all diejenigen, die einen Termin bekommen haben, um das Chaos auf dem Kopf zu beseitigen. „Ende offen“, sagt Anja Göckeler, „wir arbeiten, bis die Schere glüht.“ Sechs Mitarbeiterinnen, drei davon waren in Kurzarbeit – „denen fehlen natürlich auch der Lohn und das Trinkgeld.“ Trennwände hat die Lüdenscheiderin schon nach dem ersten Lockdown installieren lassen, Hygienevorschriften werden selbstverständlich eingehalten. „Ich möchte, dass sich unsere Kunden wohlfühlen“, sagt sie, auch wenn sie manche der Corona-Restriktionen sehr absonderlich findet: „Ich habe einen Kundenstamm zwischen 60 und 100 Kunden. Da sind Menschen mit Rollatoren bei, die kann ich nicht draußen in der Kälte warten lassen. Und wenn jemand anruft und um einen spontanen Termin bittet, kann ich auch nicht sagen: Pech gehabt!“ Eine Tasse Kaffee gehört für sie zum „Wohlfühlfaktor Friseur“ dazu. Oder auch die Zeitung: „Wir sind sehr gespannt, was da so am Montag auf uns zu kommt.“ Ab der dritten Märzwoche seien wieder Termine zu haben.

„Zwei Monate im offenen Vollzug“ nennt Yves Bubert den Lockdown. Er ist Art-Director in seinem Salon am Graf-Engelbert-Platz. Zu geringe Abstände sind „bei mir Gott sei Dank auf drei Etagen kein Thema“. Sein Team fiebert dem Öffnungstag entgegen, will wieder nicht nur gedanklich, sondern auch praktisch kreativ sein. Zwei Stunden Telefondienst täglich wurden in den letzten Wochen notwendig, um die Terminanfragen zu koordinieren. Vier bis sechs Wochen Wartezeit sind bereits jetzt gesetzt.

Ich hab Sebastian Wagemeyer gesagt: Du bist Bürgermeister, und jetzt musst du für Deine Stadt Flagge zeigen und uns helfen! Er hat zugesagt, das zu tun.

Yves Bubert

„Ich hab Sebastian Wagemeyer gesagt: Du bist Bürgermeister, und jetzt musst du für Deine Stadt Flagge zeigen und uns helfen! Er hat zugesagt, das zu tun, zum Beispiel, dass das Ordnungsamt zwar kommt, aber mit Ankündigung, damit man sich die Zeit nehmen kann, das Hygienekonzept vernünftig zu erklären. Das ist ja Zeit, die einem an Arbeitszeit verloren geht.“ Man müsse jetzt alles „abgrasen, was geht“, ist sich der Lüdenscheider nicht sicher, dass man nicht schon auf den nächsten Lockdown zusteuere, „wir müssen so viel ‘ranschaffen, dass wir auch einen nächsten Lockdown überstehen“. Also 12 Stunden-Schichten, „bis wir auf allen Vieren nach Hause kriechen“.

Von Preiserhöhungen hält er nichts, auch wenn alle sieben Mitarbeiter während des Lockdowns in Kurzarbeit waren und ihnen neben dem Lohn auch das Trinkgeld fehlt: „Das ist eine sehr sensible Zeit, in der man am besten bleibt, wie man ist. Ich finde, das ist ein wichtiges und auch solidarisches Signal, dass der Bubert jetzt nicht auch noch seine Preise erhöht.“

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