Nach fast 30 Jahren

Friedhof im MK: Plötzlich ist Mutters Grab weg

grab lüdenscheid
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„Da war es“: Fast 30 Jahre lang besuchten Margret und Karl-Heinz Neumann das Grab von Else Sleiderink auf dem Friedhof Loh (Feld II, Grab 130). Als sie am 18. April zur Grabstelle kamen, trauten sie ihren Augen nicht.

Else Sleiderink wurde 89 Jahre alt. Seit der Beerdigung am 19. September 1991 kümmerten sich ihre Tochter und ihr Schwiegersohn liebevoll um das Grab auf dem Lüdenscheider Waldfriedhof Loh – seit fast 30 Jahren. Im April machten sich Margret und Karl-Heinz Neumann dann erneut auf zum Grab der geliebten Mutter und Schwiegermutter – wie in jedem Frühjahr seit 1992. In der Hand wie immer einige frische Begonien als Grabschmuck.

Lüdenscheid – „Als wir am 18. April an der Grabstätte ankamen, waren wir völlig fassungslos, was wir sahen“, schreibt das Lüdenscheider Ehepaar in einem Brief an Bürgermeister Sebastian Wagemeyer, datiert auf den 26. April. „Die Grabstelle war dem Erdboden gleichgemacht. Vom Grab war nichts mehr zu sehen.“ Dabei lief die 30-jährige Nutzungsfrist noch bis September 2021. Der Grabstein aus Impala-Granit, Contoneaster, Koniferen und die kleine Engelsfigur – alles weg. „Wir sind tief erschüttert, mit welcher Pietätlosigkeit hier gehandelt wurde“, heißt es in dem Brief.

StadtLüdenscheid
LandkreisMärkischer Kreis
Einwohnerzahl72.313 (Stand: 31.12.2019)

Plötzlich ist Mutters Grab auf MK-Friedhof weg: Ehepaar fassungslos über Umgang mit der Situation

Gegenüber unserer Zeitung sagt Margret Neumann: „Wir haben bereits im letzten Jahr bei der Friedhofsverwaltung angerufen und gefragt, was nach den 30 Jahren Ruhezeit mit dem Grab passiert. Da hieß es nur, wir würden rechtzeitig einen Brief erhalten. Stattdessen ist das Grab schon weg.“ Die emotionale Bindung zur Mutter habe auch fast 30 Jahre nach dem Tod noch bestanden – über die Besuche am Grab, betont die Rentnerin und beklagt. „Wir hatten keine Chance, uns würdig von meiner Mutter zu verabschieden.“

Fassungslos machte die Eheleute auch der Umgang von Friedhofsverwaltung, Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb Lüdenscheid (STL) und Bürgermeister Wagemeyer mit dem Fehler. Schon einen Tag später, am 19. April, riefen sie in der Friedhofsverwaltung an. Als auch nach einer Woche der versprochene Rückruf ausblieb, hakten sie erneut nach und erhielt die Antwort, dass es sich um „ein bedauerliches Versehen“ handelte. Der gleichzeitig angekündigte Brief von der STL-Werksleitung erreichte die Wohnadresse der Angehörigen ebensowenig wie ein Antwortschreiben vom Bürgermeister. Erst nachdem die Neumanns sich an die LN wandten, kam Bewegung in die Angelegenheit.

„Der STL führt für die kommunalen Friedhöfe Kataster, in denen alle Gräber und die jeweiligen Ruhezeiten verzeichnet sind. Insgesamt waren laut Kataster Mitte April zwölf Gräber auf dem Friedhof Loh zu räumen“, erklärt Stadtsprecher Sven Prillwitz auf Anfrage unserer Zeitung. Dabei hätten Mitarbeiter des STL versehentlich auch das betroffene Grab eingeebnet und den Grabstein entsorgt. Prillwitz: „Vermutlich haben sie nur auf die Jahreszahl, nicht aber auf das genaue Datum geachtet.“

Plötzlich ist Mutters Grab auf MK-Friedhof weg: STL redet von „Versehen“

„Es handelt sich dabei um ein Versehen, das normalerweise nicht vorkommen soll und darf“, schreibt die STL-Werksleitung in einer Stellungnahme. „Wir ärgern uns über unseren Fehler, der uns zugleich äußerst unangenehm ist. Wir wissen, dass ein Grab für das Andenken an einen geliebten Mitmenschen steht und eine vor allem emotional unschätzbar wichtige Bedeutung hat. Leider lässt sich der Vorfall nicht mehr rückgängig machen.“ Stadtsprecher Prillwitz betonte, dass es sich um einen Einzelfall handelte.

Die Stadt behauptet in ihrer Antwort zudem, der STL habe den Angehörigen angeboten, „ersatzweise eine symbolische Grabstätte einzurichten“. Dieser Vorschlag sei abgelehnt worden. Margret und Karl-Heinz Neumann weisen diese Darstellung von sich. Einen solchen Vorschlag habe es nicht gegeben. Überhaupt wollen sie weder den Grabstein zurück noch eine irgendwie geartete Anerkennung ihres Schmerzes. Ihnen geht es vor allem um den Umgang mit dem Fehler und das lange Schweigen der Verantwortlich, das sie öffentlich machen wollen. „Wir finden es unverzeihlich, wie man als Bürger abgespeist wird.“

Nach der LN-Anfrage meldete sich am Dienstag eine STL-Mitarbeiterin bei den Neumanns. Während Margret Neumann den Eindruck hatte, es ginge vor allem darum, die Berichterstattung zu verhindern, fasst die Stadt die Kontaktaufnahme so zusammen: „Der STL hat bereits erste Telefonate mit den betroffenen Angehörigen geführt und sich entschuldigt. Eine persönliche Entschuldigung der Werkleitung soll ebenfalls noch erfolgen – inklusive Übergabe eines Blumenstraußes.“ Margret Neumann lehnt dankend ab: „Es wäre nicht im Sinne meiner Mutter, dass ich dafür auch noch Blumen bekomme.“

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