Friedensgruppe: Gedenktafeln geplant

Auf dem Katholischen Friedhof liegt dieser Gedenkstein, den die Friedensgruppe jetzt aufsuchte.

LÜDENSCHEID ▪ Sie schauen genau zurück, aber sie blicken auch nach vorn. „Damit so etwas nie wieder passiert“, sagt Matthias Wagner von der Friedensgruppe. Auch deshalb wird er Ende Mai/Anfang Juni mit Mitgliedern der Friedensgruppe nach Taganrog reisen. Der Besuch diene, so betont er, „der Versöhnung über den Gräbern“, Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945.

Besuche in den Partnerstädten sind für die Friedensgruppe wichtiger Teil ihrer Arbeit, zu der aber auch das Sammeln von Fakten gehört. Jetzt stellt Matthias Wagner neue Ergebnisse seiner Forschungen vor. Seine Quintessenz: Es kamen in Lüdenscheid während der NS-Zeit viel mehr Menschen ums Leben als offiziell angegeben.

Matthias Wagner schreibt über seine Recherchen (leicht gekürzt): „1951 schrieb der Kulturamtsleiter Max Bührmann, dass ungefähr 4100 Menschen aus und in Lüdenscheid ihr Leben lassen mussten. Im offiziellen Verwaltungsbericht der Stadt von 1958 wird nur noch von ca. 1 900 Kriegstoten berichtet. (...) Noch in der Ausstellung ‚Lockung und Zwang‘ (1999) des Stadtmuseums fehlten die 512 Todesopfer des Arbeitserziehungslagers Hunswinkel, die ca. 200 verstorbenen FremdarbeiterInnen in den Fabriklagern, die 46 jüdischen Todesopfer, die 56 Opfer der Euthanasie und die 10 Todesopfer der Lüdenscheider Kommunisten. Deshalb dokumentierten die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, das Bündnis für Toleranz und die Friedensgruppe in ihrem Gedenkbuch die ca. 3 500 Lüdenscheider Opfer, die damals schon bekannt waren. Als das Buch ins Internet gestellt wurde, wies der niederländische Reporter Remco Reiding darauf hin, dass fast 300 Opfer fehlten, wie Dokumente aus Moskau belegten. Die Toten waren kranke russische Kriegsgefangene, die vom Stalag Hemer nach Kriegsende in das Lazarett Baukloh gebracht wurden, aber nicht mehr geheilt werden konnten, sondern starben. Vom April bis Juni 1945 wurden ca. 130 von ihnen zum amerikanisches Friedhof im niederländischen Dorf Margraten gebracht und in Einzelgräbern beigesetzt. Das geschah entsprechend dem Befehl der 9. US-Armee, dass kein alliierter Soldat auf feindlichem deutschem Boden beigesetzt werden dürfe. In 1947 sind die in Lüdenscheid gestorbene Russen auf das russische Ehrenfeld in Amersfoort umgebettet worden.

Ab Juni 1945 übernahmen britische Truppen das Kommando. Nun wurden 36 russische Kriegsgefangene auf dem Waldfriedhof Loh (vgl. Westfalenpost 23.3.1967), 43 namenlos in einem Massengrab auf dem kath. Friedhof (Kirchenarchiv St. Josef) und mindestens 70 namenlos in Massengräbern auf dem evangelischen Friedhof (Archiv Kreiskirchenamt, 6/191 vom 14.7.1950) beerdigt. Während die deutschen Soldaten Einzelgräber mit Steinkreuzen und Namen erhielten, verweigerte man das in der Zeit des Kalten Krieges den verstorbenen russischen Kriegsgefangenen. Es gab hier keine Gräber mit Namen, während in den Niederlanden der russischen Kriegstoten aus Lüdenscheid würdig gedacht wurde. Hier wurden sie bis heute verschwiegen. Die Friedensgruppe bemüht sich darum, Gedenktafeln mit den Namen an den Massengräbern auf dem evangelischen, dem katholischen und dem Friedhof Loh im Herbst 2011 – 70 Jahre nach dem Angriff auf die Sowjetunion /Russland – in Zusammenarbeit mit Remco Reiding, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, den Kirchen und der Stadt aufzustellen. Damit soll den Hinterbliebenen erstmalig die Möglichkeit des Besuchs am Grab der verstorbenen Kriegsopfer möglich werden.“

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