Freispruch nach rätselhaftem Autodiebstahl

LÜDENSCHEID - Staatsanwalt Klaus Knierim ärgert sich, fast ist sein Zähneknirschen zu hören. Ein langes Ermittlungsverfahren liegt hinter ihm, ein kompletter Prozesstag und noch ein halber dazu. Und jetzt muss er einen Freispruch beantragen.

Weder Diebstahl noch Hehlerei kann er dem Angeklagten nachweisen, wenngleich er von der Schuld des abermals adrett auftretenden 24-Jährigen „überzeugt“ ist, wie er sagt.

Als der junge Lüdenscheider am 20. November in Köln in eine Verkehrskontrolle gerät, stimmt eigentlich gar nichts. Die Fahrzeug-Identifikationsnummer auf dem Schein stimmt nicht mit der Nummer auf dem Wagen überein, die Farbe auf dem Schein ist mit schwarz bezeichnet statt mit weiß. Mehrere Kennzeichen fliegen in dem Wagen herum, unter anderem das der tatsächlichen Eigentümerin. Von ihr stammen auch Kosmetika, eine Sonnenbrille und eine Jacke, die die Polizisten in dem Auto finden.

Woher der 24-jährige den Wagen hat, ist entgegen der Hoffnung der Prozessbeteiligten nicht aufzuklären. Der Angeklagte behauptet, ein Kurde aus Essen habe ihm den BMW in Frankfurt verkauft. Die Ermittler stoßen auf einen Mann gleichen Namens in Gelsenkirchen. Doch der Vorsitzende des Schöffengerichts, Amtsrichter Jürgen Leichter, bekommt die Ladung mit dem Vermerk „Unbekannt verzogen“ zurück.

Verteidiger Hasan Yildirim müsste im Interesse seines Mandanten darüber glücklich sein, sagt aber sicherheitshalber: „Diesen Zeugen hätte ich gerne gehört.“

Offen bleibt auch die Frage, woher der Dieb wusste, dass die Ersatzschlüssel für den BMW in einer Wohnung an der Lessingstraße liegen, der Wagen selbst aber 600 Meter entfernt auf der Winkhauser Straße steht. Staatsanwalt Knierim schließt nicht aus, dass die Halterin, eine 30-jährige Lagerarbeiterin, einen Versicherungsbetrug geplant und den ihr bekannten Koch-Lehrling darin verwickelt hat. Der hätte sich dann mindestens der Hehlerei schuldig gemacht. Die Frau prozessiert übrigens gegen ihre Versicherung – wegen der Erstattung des Zeitwertes des BMW.

Doch weder der Diebstahl noch die Hehlerei noch ein Betrug können dem Angeklagten nachgewiesen werden, trotz der undurchsichtigen Vorgänge rund um diesen Wagen. Klaus Knierim: „Es ist schon etwas merkwürdig, was sich so für Zufälle ereignen.“ Richter Leichter spricht den Mann in kurzen Worten frei und beendet die Sache. Eine mündliche Urteilsbegründung erspart er sich. - omo

Der Fall:

Im Juni 2011 wurde der 1er-BMW einer 30-jährigen Lüdenscheiderin gestohlen – 600 Meter von ihrer Adresse entfernt. Ein Einbrecher hatte sich den Autoschlüssel zuvor in ihrer Wohnung „besorgt“. Woher der „Homejacker“ wusste, wo das Auto steht und ob der Angeklagte es wirklich, wie er behauptet, in Frankfurt gekauft hat, das ist so offen wie die Frage, wie er an die gefälschten Fahrzeugpapiere gekommen ist. Der wegen Einbruchs vorbestrafte Koch-Lehrling streitet jede Tatbeteiligung ab.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare