Freispruch nach Pfefferspray-Angriff

Lüdenscheid/Hagen - Mit normalen Maßstäben war der 40-jährige Angeklagte kaum zu messen: Mal verspritzte er Jodlösung im Hausflur, mal Reinigungsmittel oder Rasierschaum. Zu dem Streit, der letztlich in einer Anklage der Staatsanwaltschaft gipfelte, erschien er am 16. Oktober 2012 auf einem Skateboard und bettelte bei der Nachbarin: „Darf ich mich mal in dein Auto setzen?“

Er durfte nicht, er quengelte, er durfte immer noch nicht, und es war wohl diese Abfuhr, die seinen Zorn erregte: Er zog eine Sprühflasche mit Pfefferspray aus der Hosentasche und sprühte den Inhalt in Richtung seiner Nachbarin.

„Er wurde auf einmal wütend. Ich spürte ein Brennen in Augen und Nase“, erinnerte sich die Nachbarin gestern im Landgericht Hagen, wo sich der Angeklagte gegen das Urteil des Amtsgerichts Lüdenscheid wehrte, das ihn wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer viermonatigen Bewährungsstrafe verurteilt hatte.

Der Übergriff auf die Nachbarin war offenbar nicht der einzige Vorfall, der das Zusammenleben mit dem 40-Jährigen schwierig machte. „Er hat ständig merkwürdige Sachen gemacht“, wusste ein Polizeibeamter, der dienstlich „unzählige Male beim Angeklagten“ war. So wie beim Verspritzen der Jodlösung im Flur: „Es war alles versaut von oben bis unten.“

Der Polizeibeamte, der eine psychische Erkrankung bei seinem Gegenüber vermutete, machte gute Erfahrungen mit militärisch formulierten Kommandos, denen der 40-Jährige tatsächlich nachgekommen sei: „Dafür war er zugänglich.“ Die Beamten stellten am 20. Oktober 2012 bei einer Hausdurchsuchung selbstgebastelte Schlagwaffen, sogenannte Nunchakus, bei dem Angeklagten sicher.

Kurz nachdem er seine Nachbarin außer Gefecht gesetzt hatte, begegnete der Sprayer im Hausflur einem Gegner anderen Kalibers. „Er besprühte mich mit einer ganzen Flasche Pfefferspray“, erinnerte sich der Zeuge und fügte hinzu: „Mir macht das nichts. Ich bin immun dagegen.“ Ob der 35-Jährige von Natur aus oder gestählt durch sein Leben „immun“ gegen das Reizgas war, blieb offen: „Ich war im Krieg. Ich habe viel schlimmere Dinge eingeatmet.“

Der psychiatrische Gutachter Bernhard Bätz attestierte dem Angeklagten eine schwere psychotische Erkrankung, die sein Steuerungsvermögen eingeschränkt habe. Der Experte: „Ich kann ein wahnhaftes Erleben zum Tatzeitpunkt nicht ausschließen.“

Die Berufungskammer folgte diesem Befund und dem Antrag des Staatsanwaltes, der sich wie der Verteidiger für einen Freispruch ausgesprochen hatte. Es galt der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“, denn seine völlige Schuldunfähigkeit konnte nicht ausgeschlossen werden. Für eine Sicherungsverwahrung waren die Vorwürfe aber zu geringfügig. - thk

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