Der 37-jährige Gabriel von dem Bussche

"Freiherr" im Perso: Junger Schlossherr aus MK über Adel im Jahr 2020

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Der heutige Schlossherr, Gabriel von dem Bussche, mit dem Kelch von Julius Graf von dem Bussche. Der Kelch ist von 1850 datiert, in dem Jahr seines Ausscheidens als Stadtrat

Lüdenscheid – Es war das Jahr 1840, als Julius Freiherr von dem Bussche Ippenburg genannt von Kessell in den Grafenstand erhoben wurde. Er war als Zeremonienmeister zur Huldigungsfeier des Königs Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin befohlen worden und bei dieser Gelegenheit zum Grafen ernannt.

Was damals eine besondere Bedeutung hatte, ist heute, 180 Jahre später, für seinen Nachfahren Gabriel von dem Bussche, der nun das Schloss Neuenhof verwaltet, nur noch ein historischer Titel. Der Adel an sich wurde 1919 mit der Weimarer Republik abgeschafft. Was danach blieb, ist der Titel als Namensbestandteil. Derzeit trägt sein Vater Alhard Graf von dem Bussche-Kessell diesen Titel. 

Als Erstgeborener wäre es Gabriel von dem Bussche möglich, diesen irgendwann zu erben. Aber ob er das auch möchte? Das weiß der 37-Jährige noch nicht. „Ich lege nicht so viel Wert auf Titel. Für mich sind andere Dinge wichtiger“, sagt er. Dass ihm ein Titel nicht viel bedeute, heiße aber nicht, dass ihm die Geschichte des Anwesens und seiner Familie nicht wichtig sei. Im Gegenteil. 

Gesellschaftliche Funktion des Adels hat sich geändert

„Man kann sich der Geschichte gar nicht entziehen, wenn man hier lebt“, sagt der 37-Jährige. So sei es ihm auch gegangen, als er im vergangenen Jahr zurück auf das Schloss gezogen ist und es mache ihm viel Spaß, sich mit dem Gebäude und der Geschichte seiner Vorfahren zu beschäftigen. Der Titel „Freiherr“ stehe zwar in seinem Personalausweis, sei für ihn aber im Alltag nicht weiter von Bedeutung. „Ich sehe keinen Vorteil darin. Ich orientiere mich eher an meinen beruflichen Aufgaben, als an einer Ansprache.“ Es gebe bestimmt einige, die auf Etikette und den Adelstitel wert legen, vor allem in älteren Generationen. Er selbst gehöre aber nicht dazu. Vieles habe sich einfach geändert. 

Die gesellschaftliche Funktion des Adels, die elitären Kreise, das unter „seinesgleichen“ bleiben, gebe es heute nicht mehr. Sein Vater habe ihm auch geraten, sich zuerst eine eigene Existenz aufzubauen, bevor er das Familienunternehmen übernimmt. Darüber sei er sehr froh. „Ich habe zuvor also ein ganz normales Berufsleben in Berlin gehabt“, sagt Gabriel von dem Bussche. Auch andere Dinge haben sich geändert. Während es zum Ende des 18. Jahrhunderts viele Bedienstete und Angestellte gab, sah es in der Kindheit von Gabriel von dem Bussche schon ganz anders aus. „Bei uns gab es selbstverständlich keine Diener mehr und man wurde zur Eigenverantwortung erzogen“, sagt er. „Früher hatte der ganze Betrieb viel mehr Mitarbeiter, vielleicht so um die 100“, führt er weiter aus. Man verdiente sein Geld mit Land- und Forstwirtschaft, verpachtete eine Vielzahl an Höfen und der eigene Schlosshof war mit viel Vieh eher bäuerlich geprägt. Zu Zeiten der von Bottlenberg habe es sogar eine große industrielle Produktion mit sechs Hämmern gegeben, durch die Eisenprodukte hergestellt und verkauft wurden. 

Borkenkäferplage beschäftigt von dem Bussche

Die größte Zahl der Kunden saß in der Umgebung, aber auch nach Berlin, Köln, Antwerpen und andere Orte gingen die Waren von Neuenhof. Heute habe der forstwirtschaftliche Betrieb sechs Mitarbeiter. Darüber hinaus werden nur noch landwirtschaftliche Flächen verpachtet und einzelne Wohnungen und Häuser am Schlosshof und der Umgebung vermietet. „Damals ging der große Teil des Vermögens an den Bewirtschafter von Neuenhof. Die Geschwister gingen meist leer aus beziehungsweise wurden wesentlich geringfügiger abgefunden. „Weichende“ Söhne machten zum Beispiel Karriere beim Militär, als Landrat oder Domherr. Frauen ließen sich geschickt verheiraten oder gingen in adlige Damenstifte“, berichtet Gabriel von dem Bussche. Die Erbregelungen seien mittlerweile ebenfalls der heutigen Zeit angepasst. Der Betrieb müsse aber natürlich weiterhin als Ganzes bewirtschaftet und zusammengehalten werden, damit das Schloss unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes unterhalten werden kann. 

Das Schloss Neuenhof in seiner ganzen Pracht. 

Für Gabriel von dem Bussche kommt derzeit noch eine besondere Situation hinzu, eine „einzigartige gigantische Krise“ wie er sie beschreibt. Er meint damit die Borkenkäferplage. Große Flächen Wald sterben dadurch ab und die Ertragskraft des Betriebs gehe drastisch zurück. Da die Forstwirtschaft die Haupteinnahmequelle des Unternehmens ist, arbeite er aktuell an neuen zukunftsfähigen Geschäftsmodellen, um so das Erbe und vor allem das Schloss zu erhalten. Denn jährlich stünden Reparaturen im und um das Schloss an. In der Spitze gehen 80 Prozent der Kosten alleine ins Denkmal. Seiner Ansicht nach soll das Denkmal mehr für die Öffentlichkeit geöffnet werden, wie zum Beispiel beim traditionellen Adventmarkt. Schließlich sei das Schloss ein Bestandteil der Stadt Lüdenscheid und seiner Region. 

„Der Ort lebt davon, dass er belebt wird“, sagt Gabriel von dem Bussche. Sein Vorfahre Julius von dem Bussche-Ippenburg lebte damals übrigens gar nicht auf Schloss Neuenhof, sondern auf dem anderen Stammsitz der Familie. Seit dem Tod des letzten Bottlenberg war das Anwesen mehr oder weniger bis zum Einzug von Alhard Graf von dem Bussche-Kessell unbewohnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das verwaiste Schloss dann von Vera Gräfin von dem Bussche-Kessell, der Urgroßmutter des heutigen Schlossherren wieder aufwendig restauriert.

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