„Mit mir kam der Krach“

Franz Schulte-Huermann: Sein Berufsbild hat sich in zwei Jahrzehnten verändert.

Lüdenscheid - Fast zwanzig Jahre ist es her, dass der damalige Detmolder Musikschulpädagoge und Orchesterleiter Franz Schulte-Huermann seine Bewerbung abschickte. Gesucht wurde im sauerländischen Lüdenscheid die stellvertretende Leitung einer Musikschule. „Vielleicht lag es daran, dass ich zu dem Zeitpunkt schon Blasorchester geleitet habe“, mutmaßt Schulte-Huermann an diesem Vormittag in seinem Büro im Obergeschoss der ehrwürdigen alten Post, warum man sich für ihn entschied. So oder so – 1996 kam er aus seiner Studienstadt Detmold nach Lüdenscheid. Ein Kind des Sauerlands, geboren wurde er in Sundern.

1996 besuchten bereits 1034 Schüler die Städtische Musikschule an der Altenaer Straße. Allerdings: Bläser waren kaum darunter. Der Schwerpunkt lag im Streicher-Bereich und auf der so genannten „Alten Musik“, Renaissance und Barock. „Man braucht Unterstützer, wenn man sowas aufbauen will“, sagt Schulte-Huermann mit Blick auf die Anforderung, eine Bläserklasse zu installieren. Also macht er sich auf zum Bergstadtgymnasium, trug sein Anliegen vor und fand in dem damaligen Musiklehrer Jürgen Heller einen Verbündeten. „Das war eine tolle Zeit. Wir haben erst einzügig unterrichtet, dann zwei- und zwischenzeitlich sogar dreizügig.“ Mit ihm sei der Krach ins Haus gekommen, sagt Schulte-Huermann mit einem Augenzwinkern. Und ist geblieben – bis heute. Die Arbeitsbedingungen in dem hellhörigen Haus seien weder für Lehrer noch für Schüler angenehm: „Wenn wir hier mit dem Blasorchester proben, ist ein Einzelunterricht kaum möglich.“

Wenn die Städtische Musikschule nächsten Freitag im Kulturhaus feiert, blicken die Verantwortlichen auf fünf Jahrzehnte zurück. Jahrzehnte, in denen sich das Verhalten der Schüler, die Musik, die Räumlichkeiten und auch sonst vieles verändert haben. „Das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen ist ein anderes geworden. G-8 und Ganztag zum Beispiel. Früher waren Proben ab dem frühen Nachmittag. Heute beginnen sie erst gegen viertel nach vier. Das geht nicht mehr anders, weil die Schüler so lange Schule haben.“ Verändert hat sich auch die Musik – allerdings nur in Maßen. Seit John Miles Mitte der 70er-Jahre mit seinem Welthit „Music“ einen Meilenstein setzte, werden auch im Musikschulbereich modernere Töne angeschlagen. Filmmusik zum Beispiel. „Man merkt schnell, ob den Schülern das gefällt, was man vorschlägt. Dann muss man begeistern können, man muss ein Motor sein. Das ist anders als früher.“ Doch Rock, Pop oder Film – das alles ist nur ergänzend zu den klassischen drei „B“ – Bach, Brahms, Beethoven. Schulte-Huermann: „Das macht wirklich gute Musik aus. Musik, die berührt. Womit ist der Handyverkäufer Paul Potts denn 2007 berühmt geworden? Mit 200 Jahre alter Musik von Puccini.“

Auch die Pädagogik hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten. Seit 2003 gibt es die Babymusik, musikalische Impulse, gemeinsam mit einem Bezugspartner. Mit der Einführung der frühkindlichen Erfahrungen ändert sich auch das pädagogische Verhalten: „Ich muss mit einem Sechsjährigen anders arbeiten als mit einem Zehnjährigen“, so der Musikschulleiter aus eigener Erfahrung als Pädagoge. Für ihn hat sich mit der Übernahme der Leiterstelle das gesamte Berufsbild verändert – eine Entscheidung, die der Musiker Schulte-Huermann bewusst traf. Aus der Posaune wurden PC und Schreibtisch, der Job beginnt morgens um acht und endet nicht selten am Abend mit dem Besuch eines Konzertes. Dazwischen: Verwaltung, Planung, Organisation – und keine Zeit mehr für die Posaune.

Und ein potenzieller Umzug in ein neues, ein anderes Gebäude? Würde man mit weinenden Augen gehen? Der Musikschulleiter wird zögerlich: „Das ist dünnes Eis, auf das wir uns jetzt bewegen. Sagen wir mal so: Das Haus ist überaltert und zu klein. Es ist einfach in die Jahre gekommen und ist nicht akustisch abgeschirmt. Für die Kollegen wünsche ich mir bessere Arbeitsbedingungen. Und wenn man im politischen Raum darüber nachdenkt, für die Musikschule zu bauen, dann zeigt das den Stellenwert, den wir haben. Und das ist schön.“

Was war, was ist und was kommt – Zeit für Rück- und Ausblicke bleibt am kommenden Freitag, 6. November. Dann beginnt um 19 Uhr der Festakt „50 Jahre Musikschule“ im Kulturhaus. Im ersten Teil stehen die Reden und Glückwünsche im Vordergrund, nach der Pause spielt die „Junge Bläserphilharmonie NRW“ unter der Leitung von Harry Vorselen als „Geschenk“ an die Musikschule. Im Anschluss gibt es für die Gäste einen Empfang. Karten sind noch zu haben. Sie kosten 12 Euro, ermäßigt sechs Euro, an der Theaterkasse des Kulturhauses.

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