Experte zu Online-Warnung: "Kunden lassen sich nicht erpressen"

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Strategieberater Frank Rehme referierte in den Museen über die Verödung der Innenstädte.

Lüdenscheid – Bei dem oft vorgebrachten Argument, dass die Menschen nur noch online einkaufen und deshalb die Innenstädte veröden, winkt Speaker, Unternehmer und Strategieberater Frank Rehme vom Kompetenzforum für Handel und vitale Innenstädte, Vitail, ab. „Der Online-Handel befindet sich derzeit bereits in einer Sättigungsphase, und ohnehin kaufen nur 12 Prozent aller Menschen in Deutschland online ein“.

Rehme war am Dienstag mit einem Vortrag zum Thema „Belebung der Innenstädte“ im Rahmen der Wunderkammern im Geschichtsmuseum am Sauerfeld zu Gast: „Deshalb trägt der Online-Handel ganz sicher nicht die Hauptschuld an den Problemen des inhabergeführten Einzelhandels.“ Jene kleinen Geschäfte mit unter fünf Beschäftigten machten zu einem großen Teil die Attraktivität von Innenstädten aus, so Rehme, doch gerade denen gehe es derzeit schlecht.

Für diese Klientel würden zwar oft kostenfreie Wissensformate, unter anderem durch das Kompetenzforum Vitail, angeboten, die den Händlern helfen sollen, doch das Interesse ist gering. „Hier besteht leider bei manchen Einzelhändlern ein erheblicher Mangel an unternehmerischem Denken“, kritisiert Rehme. Jeder müsse sich die Frage stellen, was man tun kann, um die Kunden in die Innenstadt zu locken: „Der Handel ist längst nicht mehr der Versorger der Kunden. Heute haben die Menschen im Grunde alles, was sie brauchen, und dazu noch das Internet mit dem Smartphone als mobile Informationsquelle. Sie erwarten vom Handel mehr. Wenn sie ihre Freizeit in der Innenstadt verbringen, wollen die Menschen etwas erleben.“

Dieses Erlebnis müsse der Handel ihnen bieten, wenn er nicht untergehen will. Stattdessen führen Einzelhändler oft eine völlig falsche Strategie, nämlich den Kunden ein schlechtes Gewissen zu machen: „Sie hängen ihre Schaufenster mit Folie zu und kleben ein Schild dran, auf dem steht: ‘So wird es bald bei uns aussehen, wenn nur noch online eingekauft wird.“. Doch Kunden lassen sich nicht erpressen. Als in Kneipen in NRW nicht mehr geraucht werden durfte, sei gleich der Popanz eines Kneipensterbens an die Wand gemalt worden.

„Wenn ich aber als Gastwirt meinen Gästen kein anderes Konzept zu bieten habe, als dass sie bei mir eine quarzen können, bin ich selbst schuld, wenn niemand kommt“, stellte Rehme klar. Als Beispiel, wie es in Innenstädten laufen kann, führte er die Stadt Langenfeld an, die gemeinsam mit vielen Partnern zur „Future City“, einer „Modellstadt für die innovative Zukunft des Handels und des Erlebnisraums Innenstadt“ wurde.

„Hier geht die Macht vom Besucher aus, und das bezogen auf die Bereiche Handel und Dienstleistungen, Wohnen, Gastronomie sowie Kultur und Sport“, erklärte Rehme. Das Senken der Zutrittshürden, zu denen unter anderem die Parkgebühren gehören, ist eine wichtige Säule des Konzeptes. „Mit Parkgebühren werden die Menschen dafür bestraft, dass sie Zeit in der Stadt verbringen“, so der Referent. Mit einem Stadtschlüssel in Scheckkartenform öffnen sich für Langenfelds Besucher nun nicht nur vollautomatisch die Zufahrten zu den Parkhäusern. Mit ihm ist vielmehr bei jedem Kauf auch ein Bonussystem verbunden, mit dem der Kunde die gezahlten Parkgebühren ausgleichen kann. Nach einem Monat wurde die erste Million an Einnahmen über diesen Stadtschlüssel generiert, und 20 Prozent der Nutzer gaben an, deshalb mehr Zeit in der Stadt zu verbringen. Auch Alleinstellungsmerkmale einer Stadt, die die Menschen anziehen, seien wichtig.

„Jede Stadt sollte ihr eigenes Wacken finden.“ Wacken, eine einst völlig unbekannte Stadt, zog durch ihr inzwischen weltbekanntes Musikfestival das Interesse vieler Menschen auf sich, die nun auch außerhalb des Events die Innenstadt beleben.

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